Energy efficient houses in Nicosia... © E. Kieckens
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Eine Krise wie die Corona-Pandemie verlangt nach rigorosen Maßnahmen. Die EU hat 723,8 Milliarden Euro für den Corona-Aufbauplan (Recovery and Resilience Facility, RRF) zur Verfügung gestellt, um die europäische Wirtschaft aus der durch Corona verursachten Rezession herauszuholen. Um einen Anteil an diesem großen Geldtopf beanspruchen zu können, müssen die Mitgliedstaaten der Europäischen Kommission einen Plan vorlegen. In der Serie Decarbonizing Europe nehmen wir diese Pläne unter die Lupe. Diese Woche: Zypern.

Wenn Quantität mit Qualität übereinstimmt, dann ist Zypern ganz vorn dabei. Das zyprische Konjunkturprogramm im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro umfasst nicht weniger als 592 Seiten. Zusammen mit den vier Anhängen ist es, als hielte man ein Buch von George R. R. Martin in Händen. Zum Vergleich: Malta kommt mit 25 Seiten aus, während es 300 Sanierungsmilliarden ausgibt.

Der Umfang ist also schon einmal in Ordnung. Nach Ansicht von Theododis Tsiolas sind die Pläne auch in inhaltlicher Hinsicht gut. Tsiolas ist Leiter der Direktion Wachstum, die zum Finanzministerium gehört. Der Plan wurde in seinem Büro in Nikosia geschrieben. „Der Haushalt ist größtenteils auf den beschleunigten Übergang zu einer grünen Wirtschaft ausgerichtet“, sagt er. Nahezu fünfhundert Millionen werden in das Projekt investiert.  

Theododis Tsiolas
Theododis Tsiolas © E. Kieckens

Das ist keine geringe Leistung. Man nehme den Transport. Der Motorisierungsgrad in Zypern ist hoch. Eine in Nikosia verteilte Touristenbroschüre scherzt darüber, woran man einen Zyprer erkennt. „Er nimmt das Auto, um sich in einer Bar zweihundert Meter von seinem Haus entfernt eine Cola zu holen.“ Es wird noch eine Weile dauern, bis all diese (auffallend vielen Diesel-)Autos ein anderes Fass anzapfen werden. In Zypern lassen sich Elektrofahrzeuge derzeit an einer Hand abzählen – und das meinen wir wörtlich. Elektrisches Laden auf öffentlichen Straßen ist kaum möglich. 

Testgelände für Mobilität

Aber all das wird sich ändern, verspricht man in der Direktion, und das sieht auch der Plan vor, den der Ecofin (Rat der EU-Finanzminister) bereits im Juli 2021 verabschiedet hat. Vor sechs Monaten überwies Brüssel die erste Tranche von über 150 Millionen Euro. Zypern gibt Corona-Gelder aus, indem es unter anderem Subventionen für Autofahrer bereitstellt, die auf ein E-Fahrzeug umsteigen. Auch die Infrastruktur für das Aufladen von Strom wird derzeit aufgebaut. In jedem Fall wird das öffentliche Straßennetz um zehn Schnellladestationen erweitert. Zypern, das etwa fünfmal so groß ist wie die Niederlande, hat eigentlich die richtigen Dimensionen, um ein Testgelände für vollelektrische Mobilität zu sein.

Energieeffizient

Neben der Elektromobilität wird Zypern auch Corona-Mittel investieren, um seine über 430.000 Wohngebäude, Büros und Unternehmen energieeffizienter zu machen. Da es lange Zeit keine staatliche Politik gab, die den Bausektor dazu zwang, „wirtschaftlich“ zu bauen, fallen viele bestehende Gebäude in eine niedrige Energieeffizienzklasse. Das ist nicht nur schädlich für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel. Die Energiekosten in Zypern gehören zu den höchsten in Europa, auch wenn die Steuern und der Mehrwertsteuersatz relativ niedrig sind.

Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass etwa 90 Prozent der Elektrizität aus Öl, in vielen Fällen aus Heizöl, erzeugt wird. Dieser fossile Brennstoff wird auf dem Seeweg transportiert. Das Ziel ist jedoch, die Abhängigkeit vom Öl zu überwinden.

Das wichtigste Projekt ist ein Flüssiggasterminal, das sich derzeit im Bau befindet. Doch der Bau hat sich erheblich verzögert. Auch in finanzieller Hinsicht hat das Projekt gelitten. Obwohl die Europäische Union 100 Millionen Euro in das Projekt gesteckt hat (Vor-Corona-Mittel), musste die Regierung weitere Kredite aufnehmen. „Es ist zweifelhaft, ob dieses Projekt bis zu seiner Fertigstellung den versprochenen Nutzen bringen wird. Zypern wird mindestens die nächsten zehn Jahre auf Gas angewiesen sein, um die Kredite zurückzuzahlen“, sagt Charles Ellinas. Das ist kein Anreiz, noch mehr in wirklich nachhaltige Ressourcen zu investieren. Ellinas ist Experte für den Öl- und Gassektor und wissenschaftlicher Mitarbeiter der amerikanischen Denkfabrik Atlantic Council.

Flüssiggas

Die zyprische RRF sieht auch Reformen vor, was eine Voraussetzung für die Annahme aller nationalen Pläne ist. Bis Ende dieses Jahres wird der Energiesektor liberalisiert sein. Gegenwärtig hat noch ein Anbieter das Monopol. Charles Ellinas glaubt jedoch nicht, dass diese Maßnahme die gewünschte Wirkung haben wird, gerade wegen der (finanziellen) Verpflichtung zum Kauf von Flüssiggas. „Obwohl wir in Zypern reichlich Sonnenenergie haben, wird diese Ressource nicht so gut genutzt wie in anderen Ländern.“ Ellinas weist darauf hin, dass Zypern bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen im Energiemix an vorletzter Stelle auf der EU-Liste steht (Quelle: Eurostat, Zahlen für 2020, Anm. d. Red.).

Charalambos Rousos
Charalambos Rousos © E. Kieckens

Charalambos Rousos, Direktor der Direktion Energie im Ministerium für Energie, Handel und Industrie, sagt jedoch, dass Zypern sich voll und ganz der Solarenergie verschrieben hat. „Wir bauen seit einigen Jahren Solarparks und erwarten, dass wir bis Mitte 2023 eine Kapazität von 700 Megawatt haben werden. Das macht sechzig Prozent unseres Strombedarfs aus“. Solarkollektoren auf den Dächern sind auf der Insel übrigens schon lange üblich, dienen aber nur der Warmwasserbereitung. Trotz des Überflusses an Sonne wird Zypern nie mit Solarzellen gefüllt sein, sagt Rousos. Dafür gibt es zu viele Schwankungen bei Angebot und Nachfrage, und es gibt das Problem der Energiespeicherung. Rousos erklärt außerdem, dass Zypern neue Investitionen in die Onshore-Windenergie stoppt, weil diese zu ineffizient ist. Es gibt einfach zu wenig Wind.

Untersee-Stromkabel

Zypern hat kein leichtes Los: Die Insel ist energieautark. Es ist das einzige europäische Land, das nicht an das europäische Stromnetz angeschlossen ist. Das nächstgelegene EU-Land ist Griechenland, das fast 1.000 Kilometer entfernt ist. Die Isolation soll durch den sogenannten EuroAsia Interconnector beendet werden. Das längste Unterseekabel der Welt wird das griechische und das zyprische Stromnetz miteinander verbinden. Dadurch kann Zypern in Zukunft (auch grünen) Strom importieren und Solarenergie in das Netz einspeisen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll auch Israel an das Netz angeschlossen werden.

Nicht Fit für 55

Alles in allem wird es für Zypern nicht einfach sein, die europäischen Ziele wie die drastische Senkung der Kohlenstoffemissionen und die Beschleunigung der Erzeugung erneuerbarer Energien zu erreichen. Die Umsetzung von „Fit for 55“, dem strengen Plan der Europäischen Union, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren, wird ohnehin schwierig sein. Obwohl die Pläne noch nicht endgültig sind, ist Rousos von der Direktion für Energie pessimistisch. „In früheren europäischen Richtlinien wurden uns aufgrund der Besonderheiten unseres Energiemarktes Ausnahmen gewährt. In den neuen Plänen werden diese Ausnahmen gestrichen. Wenn diese Pläne rechtskräftig werden, werden wir Investitionen tätigen müssen, die wir uns nicht leisten können. Dafür haben wir nicht die wirtschaftliche Kraft.“

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