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„Wir haben kein Öl, aber wir haben Ideen“ ist ein Sprichwort, das man von Franzosen oft hört. Und da ist etwas dran. Fotografie, Autos, Fahrräder, Kino, Taschenrechner, Flugzeuge, Chipkarten, Fotohandys: Vieles, was unser heutiges Leben ermöglicht, kam einst aus den klugen Köpfen französischer Ingenieure. Dieses innovative Talent verschaffte Frankreich auch als erstem Land der Welt einen öffentlichen Internetanschluss. Er hieß Minitel und wurde 1978 vorgestellt. Jetzt lachen andere Länder darüber, aber zu Unrecht.

Das Minitel-Netzwerk legte den Grundstein für ein Ökosystem aus Onlinediensten, Geschäften und Entwicklern, lange bevor der Rest der Welt online ging. Aufgrund dieses enormen technologischen Vorsprungs war Frankreich relativ spät im Internet. Ein Rückstand, der zu Beginn dieses Jahrhunderts schnell wieder aufgeholt wurde, auch dank eben dieses Minitels. Die braune Box mit einer kleinen Tastatur und einem grünen Bildschirm brachte einen der größten Innovatoren Frankreichs und vielleicht Europas hervor: Xavier Niel.

Der französische Steve Jobs

Im Alter von 15 Jahren beginnt er auf einem Computer ZX81 mit dem Programmieren. Zwei Jahre später bringt er eine erotisch anmutende Chatbox für Minitel auf den Markt und schon bald verdient er mehr als seine Eltern. Er investiert die Gewinne in Sexshops und Pornoseiten auf Minitel ein und einige Jahre später in einen der ersten französischen Internet-Provider. Dann startet er seinen eigenen Provider, den er Free nennt. Im Jahr 2002 ist er weltweit der Erste, der mit der Freebox ein Triple-Play-Abonnement auf den Markt bringt. Für eine Box mit Telefon, Fernsehen und Internet gleichzeitig, für weniger als 30 Euro im Monat, während die damaligen Wettbewerber mehr als 50 Euro allein für ein Internet-Abonnement verlangen. Die Freebox wird schnell zum Erfolg und zu einem weltweiten Vorbild. In den letzten Monaten lief es für Free etwas schlechter (die Aktie verlor im vergangenen Jahr ein Drittel ihres Wertes), aber für viele ist Niel immer noch ein Innovationsgott, vergleichbar mit Steve Jobs. Präsident Emmanuel Macron sieht Xavier Niel auch als einen der Helden Frankreichs.

Niel ist heute einer der zehn reichsten Menschen Frankreichs. Persönlich investiert der Milliardär auch in eine Vielzahl von Projekten in Frankreich und im Rest der Welt. 2017 eröffnete er beispielsweise Station F, den weltweit größten Start-up-Hub, ist Anteilseigner der Tageszeitung Le Monde und einer Vielzahl weiterer Medien. Er gründete auch die Ecole 42, in der jeder kostenlos Programmieren lernen kann. Anfang dieses Jahres eröffnete eine Filiale dieser Schule in Amsterdam unter dem Namen Codam.

Start-up-Land

Niels Aktivitäten sind Wasser auf die Mühlen von Macron. Er möchte, dass Frankreich zur Start-up-Nation Europas wird und viele digitale Unternehmer wie Niel sich ihm anschließen. Der französische Präsident selbst nimmt ebenfalls teil: In dieser Woche wurde bekannt gegeben, dass er eine App entwickelt hat, die jetzt auf allen Handys seiner Minister läuft. Die App, die auf der Software des Start-ups Toucan Toco basiert, behält die Dinge im Auge und muss prüfen, ob sie effizient sind und Reformen schnell genug umsetzen. Wer keinen Highscore bekommst, fliegt raus. Innovation und Politik gehen Hand in Hand. Ob das auch Fortschritt ist, ist eine andere Frage.

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