Nein, der Vortrag, den Collette Cuijpers und Maike Kooijmans nächste Woche halten werden, wird keine blinde Hymne auf die digitale Welt sein. Aber er wird auch keine Aneinanderreihung von Warnungen sein, geschweige denn eine Lektion über Recht und Unrecht. Die digitale Welt, in der es neben Cybermobbing, Sexting und Telefonsucht auch wunderbare neue Freundschaften und wirtschaftlichen Erfolg gibt, ist dafür viel zu bunt. Wirklich wichtig sei, weiterhin über die Entscheidungen nachzudenken, die man trifft, werden die Fontys-Dozentinnen erklären. Als Kind, als Elternteil, als Erzieher oder als Lehrer.

Der Vortrag ist der zweite in einer Reihe der Fontys-For-Society-Vorlesungen, mit denen die Bildungseinrichtung das lebenslange Lernen fördern will. Das Thema des Abends – 27. Juni im LocHal in Tilburg – ist „Elternsein in der digitalen Welt”. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist jedoch erforderlich. Wir haben vor der Veranstaltung mit den beiden Referenten gesprochen.

Die Kinder und Jugendlichen von heute wachsen in einer vielfältigen, sich schnell verändernden Gesellschaft voller digitaler Möglichkeiten auf. Das bietet Chancen, wirft aber auch neue Fragen zur Kindererziehung auf. Einige Eltern überwachen ihre Kinder auf Social Media oder über Tracking-Geräte. Es gibt sogar Eltern, die Follower für ihre Kinder kaufen, so dass sie das Gefühl haben, in Social Media beliebt zu sein. „Sie tun es mit den besten Absichten”, sagt Colette Cuijpers, Dozentin für Recht und digitale Technologie an der Juridischen Hogeschool Avans – Fontys. „Aber viele dieser Konten sind gefälscht, und das bedeutet, dass sie ihre Kinder betrügen. Das überschreitet sowohl rechtlich als auch ethisch eine Grenze. Was für ein Beispiel gibt man seinem Kind damit?”

Ehrlich gesagt, versteht Cuijpers die Eltern, die das tun. „Sie hoffen, so das Selbstvertrauen ihres Kindes zu stärken. Aber die Folgen können sehr wohl das Gegenteil bewirken.” Maike Kooijmans stimmt dem zu. Sie ist Dozentin des Parenting for the Future Programms an der Fontys School of Pedagogical Studies. “Viele Kinder konzentrieren sich darauf, sich auf eine schöne Art und Weise zu präsentieren, besonders in sozialen Medien. Sie wollen den allgemein anerkannten Standard erfüllen, d.h. das Beste aus ihrem Leben machen. Als Gesellschaft projizieren wir, dass jedes Kind das Beste sein will. Aber gerade wegen dieser leistungsorientierten Art der Erziehung gibt es mehr Verlierer als Gewinner. Denn am Ende kann es natürlich nur wenige echte Gewinner geben. Und dann kann einen das Gefühl ‚ich bin anscheinend nicht der Beste‘ plötzlich hart treffen.” Kooijmans will deshalb eine Gegenbewegung starten, die auf ein „lebe, wie du bist” abzielt. „Ein Leben, in dem man experimentieren und Fehler machen kann. Und in dem wir unseren Kindern al Erzieher viel Zeit zum Spielen geben und viel Raum, um herauszufinden, wer sie sind. Damit sie ihr Selbstvertrauen aufbauen können, ohne unbedingt der Beste sein zu müssen.”

Obwohl sie anerkennen, dass die digitale Welt viel größer ist, legen Kooijmans und Cuijpers in ihrem Vortrag den Schwerpunkt auf Soziale Medien. „Für Eltern und Erzieher ist dies ein vorrangiges Thema”, sagt Kooijmans. Sie beobachtet ein Paradoxon: “Wie viele Lehrer sind auch die Eltern äußerst besorgt. Das ist zum Teil auf mangelndes Wissen zurückzuführen. Sie sind die digitalen Einwanderer gegenüber den Einheimischen, die hauptsächlich Chancen sehen. Aber gerade diese Angst der Eltern schafft eine negative Kultur der Erziehung. Während sie versuchen, sich mit diesem System von Vorlieben und Anhängern auseinanderzusetzen, folgen sie ihren Kindern am Ende digital überall hin. Nun, diese Kinder sind sehr daran interessiert, dass man ihnen folgt, nur nicht von ihren Eltern.”

Abgesehen von dem emotionalen Aspekt, der damit verbunden ist, gibt es bei all dem auch einen Aspekt der Privatsphäre, sagt Cuijpers. „Wie schlau ist es, alles zu teilen, um zu zeigen, wie toll man ist? Das wirft sowohl ethische als auch rechtliche Fragen auf. Ein Bild von zwei Jungen in einer Badehose ist von jemandem, der es ausnutzen will, sehr leicht zu manipulieren. Oder ein 15-jähriges Mädchen, das ein Foto in einer sexuellen Pose mit einem 16-jährigen Jungen teilt, könnte diesen Jungen in Schwierigkeiten bringen. Während die Eltern keine Ahnung haben, was Musical.ly oder TikTok bedeutet, sieht ein Kind kein Problem darin, ein Video von sich und dem Jungen aufzunehmen und zu posten, in dem sie nicht mehr als Höschen tragen. Welches Kind denkt über die Persönlichkeitsrechte nach, ganz zu schweigen von den Porträtrechten oder dem Urheberrecht? Alles scheint Spaß zu machen, aber man kann sich auch viel Ärger einhandeln.”

Am Ende geht es immer um einen offenen und ehrlichen Umgang mit seinen Kindern. Kooijmans: „Natürlich kann das schwierig sein, besonders wenn man keine Affinität zur digitalen Welt hat. Alles ist neu und ungewohnt. Aber gleichzeitig sehen wir auch viele alte Muster. Wie in der Vergangenheit geht es darum, unsere Kinder in ihren Träumen zu begleiten, ob sie nun Ärzte oder Influencer werden wollen. Online ist kein anderer Planet.”

Die Eltern müssten selbst entscheiden, was sie für ethisch verantwortlich halten und was nicht, fügt Cuijpers hinzu. „Es wäre arrogant von uns festzulegen, was erlaubt ist und was nicht. Wir müssen selber weiter darüber nachdenken, darüber reden und gemeinsam Vereinbarungen treffen.” Die Sensibilität der Eltern sei in dieser Hinsicht entscheidend. „Man hat oft ein untrügliches Gefühl, wenn ein Kind eine Grenze überschreitet. Dann sollte man mit ihm darüber sprechen, aber ihm auch zuhören. Kinder können einem auch alle möglichen wunderbaren Dinge zeigen.”