Professionelle Musikaufnahme ist wie der Beziehungsstatus auf Facebook: Es ist kompliziert. Ein polnisches Start-Up hat entwickelt, ein Gerät, dass diesen mehrstufigen Prozess auf nur zwei Klicks reduziert.

Für Amateure sieht Zylia aus wie ein kleiner Fußball mit einem hellen Streifen. „Ein weiteres lustiges Gadget“ – könnte man meinen. Für Personen, die mit der Musikbranche zu tun haben, so wie etwa Musiker, Toningenieure oder sogar Aufnahmestudios, ist Zylia ein Game-Changer. Dieser unglaubliche Ball ist das weltweit erste tragbare Aufnahmestudio und kann die professionelle Art der Musikaufnahme verändern.

„Musiker haben stets Probleme bei der Musikaufnahme. Es geht nicht um Finanzen oder Apparate, aber um Zeit und Wissen. Es gibt immer Probleme bei dem Aufbau von mehreren Mikrofonen und dem Mischen von Sound“ – erklärt Tomasz Żernicki, Mitbegründer von Zylia und Chief Technology Officer.

Żernicki ist ein Audioexperte: er hat im Fach digitale Audioverarbeitung promoviert, an Audiokompressionsstandards mitgewirkt und ist – wie fast all seine Kollegen – ein Amateurmusiker.

„Musiker ziehen es vor, sich nicht auf das Aufnehmen von Musik zu konzentrieren. Wir wollen uns dem erschaffen von Musik widmen. Wir dachten es wäre eine wunderbare Idee, ein simples Gerät zu haben, dass Musik aufnimmt, die Musik mischt und den ganzen technischen Kram erledigt“ – erklärt er.

NUR ZWEI KLICKS

Es scheint, dass sich Zylia als das Gerät erwiesen hat, nach dem sich die Gründer lang gesehnt haben. Angenommen es gibt ein Klavierquartett: Klavier, Violine, Viola und Cello. Die Musiker positionieren sich einfach um Zylia herum. Jedes Instrument sollte kurz separat aufgezeichnet werden, damit das Gerät weiß, wo es sich befindet. Dann kann das gesamte Quartett einstimmen. Ein Klick und das Gerät beginnt mit der Aufnahme. Ein zweiter Klick und Zylia stoppt.

Danach bereitet das Gerät automatisch die finale Aufzeichnung vor und der Benutzer erhält eine vollständige Stereospur. „Die Aufnahme klingt fantastisch, da sie auch die Positionierung der Menschen im Raum berücksichtigt, sodass es kein Problem ist, wenn jemand näher oder weiter weg vom Mikrophon steht“ – fügt Żernicki hinzu.

Zieht es das Ensemble vor Tracks manuell zu mischen, ist dies auch eine Option. Die Musiker können entscheiden was sie auf der finalen Aufnahme hören möchten: alle Instrumente oder nur den Teil der Viola? Vielleicht wollen sie das Klavier ein wenig dämpfen und ein Cello in den Hintergrund rücken, damit die Violine deutlicher zu hören ist. Vielleicht glauben sie, dass es eine gute Idee ist, Cello und Klavier zusammen zu mischen? Oder Instrumente beiseite, wollen sie ein wenig mehr Nachhall im Raum einfangen? Die Benutzer könnten sogar ausgewählte Instrumente von der Aufnahme löschen. Dies könnte eine nützliche Möglichkeit sein, wenn ein Cello z.B. verstimmt spielt oder wenn der Pianist „instrumentales Karaoke“ machen möchte.

SO FUNKTIONIERT ES

Zylia ist ein Mikrophon und eine Software in einem. Um genau zu sein, handelt es sich um ein Set von 19 Mikrophonen in einem sphärischen Gehäuse, welches 360-Grad Ton aufzeichnet, während die Software (Zylia Studio) für die Tonverarbeitung verantwortlich ist.

„Wir repräsentieren Klang auf eine einzigartige Weise, da die Sphäre, die Zylia umgibt in winzige Segmente aufgeteilt ist. Als Benutzer haben Sie daher die Möglichkeit zu entscheiden was Sie hören möchten, die gesamte Sphäre oder nur Fragmente davon“ – erklärt Żernicki.

Nach der Aufnahme erhalten Benutzer mehrere Tracks. Bei der Aufnahme von Musikinstrumenten erhalten sie Aufzeichnungen von jedem einzelnen Instrument.

„Dann gleicht das System die Lautstärke auf Basis des Soundpegels der Tracks an. Für diesen Prozess werden Tontechnik und Mischtechniken benutzt. Zylia’s CTO erklärt, dass es viele Möglichkeiten gibt: „Zum Beispiel, die Option die Gesangsaufnahmen in der Mitte und die Gitarren alle auf einer Seite zu haben“.

“NEIN, KANNST DU NICHT”

Zylia begann als Forschungsprojekt. Vor sechs Jahren erhielten die Gründer eine Subvention für die Entwicklung eines Systems zur Rekonstruktion von virtuellen Klangbühnen mithilfe drahtloser Sensoren Netzwerke. Schlussendlich erwies sich das entwickelte System als zu kompliziert, um kommerzialisiert zu werden, aber so kamen sie zu der Idee, die gesamte Technologie in einem Gerät zu vereinen. Damals war dies ein Traum. Die Gründer von Zylia mussten sich mehrfach anhören, dass dies nicht möglich sei.

Zum Glück für das Unternehmen, gab es einige Leute, die an das Projekt glaubten. Dies waren Mentoren von deutschen und dänischen Acceleration-Programmen ( von Etventure und Next Step Challenge von aus Dänemark), die halfen das Forschungsprojekt in ein kommerzielles Geschäftsmodell umzuwandeln. Es dauerte beinahe drei Jahre, bis das Endprodukt auf den Markt kam. Die Firma produzierte 10 funktionale Prototypen und testete diese mit über hundert Musikprofis auf der ganzen Welt. Ende 2018 kam Zylia auf den Markt.

Es gibt drei Hauptgruppen die Zylia kaufen. Erstens, Musiker verschiedenster Stilrichtungen, von denen allerdings viele Volksmusik und Bluegrass aufführen. Zweitens, Leute die Audioaufzeichnungen für Filme, Spiele, Videos usw. aufbereiten. Die dritte Gruppe besteht aus Personen, die mit der Ambisonics-Methode arbeiten. Ambisonics ist ein voll sphärisches Surround-Sound-Format, dass in den 1970er Jahren erfunden wurde und im Bereich der Virtual Reality und 360° Filme ein Comeback erlebt hat.

NÄHER AN DEN KÜNSTLERN

Zylia wurde erschaffen, um die Energie der Musiker am Leben zu erhalten. Nun wollen seine Gründer noch einen Schritt weiter gehen und Künstler und Publikum näher zusammenbringen.

„Stellen Sie sich vor, dass Sie in Ihrem Zimmer sitzen und die Möglichkeit haben, ein Konzert Ihrer Wahl erleben zu können. Sie können sich sogar aussuchen, ob Sie sich unter den Zuschauern oder auf der Bühne befinden, um die Interaktion der Musiker zu hören. Nun ist es unser Ziel diese Technologie zu kreieren, die Live-Konzerte von verschiedenen Positionen aus aufnimmt, damit diese vom Publikum genossen werden können“ – sagt Żernicki.

Hört sich unmöglich an? Nun, sie sagten, Zylia wäre unmöglich und schauen Sie es sich jetzt an.

 

 

[/mepr-show]

Werden Sie Mitglied!

Auf Innovation Origins können Sie täglich die neuesten Nachrichten über die Welt der Innovation lesen. Wir wollen, dass es so bleibt, aber wir können es nicht allein tun! Gefallen Ihnen unsere Artikel und möchten Sie den unabhängigen Journalismus unterstützen? Dann werden Sie Mitglied und lesen Sie unsere Geschichten garantiert werbefrei.

Über den Autor

Author profile picture Katarzyna ist eine polnische Wirtschafts- und Technikjournalistin. In polnischen Medien erklärt sie die Europäische Union, Unternehmertum und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Bei Innovation Origins versucht sie, interessante Innovationen aus Mitteleuropa zu zeigen. Katarzyna ist fasziniert vom Lösungsjournalismus und davon, wie Technologien helfen können, zeitgenössische Probleme zu lösen. Sie betreibt auch InnovateCEE (www.innovatecee.com) - einen Blog über Innovationen aus Mitteleuropa.