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Schon 2017 entdeckten japanische Forscher von der Kyushu University in Fukuoka in einer Studie einen Zusammenhang zwischen schlechten Zähnen und Alzheimer. Sie sammelten damals Daten von rund 1.600 Probanden über 60 Jahre und fanden heraus, dass die Mundhygiene einen direkten Einfluss auf die geistige Fitness hat: Je weniger eigene Zähne ältere Menschen noch hatten und je schlechter deren Zustand war, desto höher war das Risiko einer Demenz- beziehungsweise Alzheimer-Erkrankung.

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung bei Menschen, die nur 20 oder weniger Zähne hatten, um 60 bis 80 Prozent stieg. Genau gesagt betrug die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken, bei Menschen mit einem bis neun Zähnen 81 Prozent. Bei Menschen mit zehn bis 19 Zähnen 63 Prozent. Gleichzeitig stiegt auch die Gefahr, an Alzheimer zu erkranken, je weniger Zähne die Probanden hatten.

Die These der japanischen Forscher, dass bakterielle Infektionen wir Parodontitis – neben einer genetischen Veranlagung – für die Entstehung von Demenz mit verantwortlich sein könnten, wurde jetzt durch die Erkenntnisse norwegischer Wissenschaftler erhärtet. In einer Studie, die im Fachmagazin Science Advances veröffentlicht wurde, haben sie herausgefunden, dass Keime, die Parodontitis auslösen ins Gehirn gelangen können. Dort können sie durch giftige Enzyme Alzheimer verursachen.

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Paradontitis-Bakterien wandern ins Gehirn

Im Mittelpunkt der Studie stand die Mikrobe Porphyromonas gingivalis, die Parodontitis und andere Entzündungen im Mund auslöst. Nachdem Menschen, die an schweren Formen der Parodontitis leiden, auch häufiger an Alzheimer erkranken, vermuteten die Forscher einen Zusammenhang. Sie glaubten, dass die Bakterien nicht nur im Mundraum, sondern auch im Gehirn der Menschen Schaden anrichten.

Im Mausmodell zeigte sich bereits, dass Erreger aus dem Mund in das Gehirn gelangen können, wo sie dann wiederum Infektionen auslösen. Wissenschaftler eines Pharmakonzerns haben zudem im Gehirngewebe verstorbener Alzheimer-Patienten häufiger DNA des Porphyromonas gingivalis Bakteriums gefunden als bei Verstorbenen, die kein Alzheimer hatten. Weiterhin wurde laut den Ergebnissen der Studie in 51 von 53 untersuchten Gehirnen der verstorbenen Alzheimer-Patienten das giftige Enzym Gingipaine nachgewiesen. Dabei zeigte sich auch, dass die Belastung umso höher war, je stärker das Gehirn durch die Alzheimer-Erkrankung verändert war. Somit scheine ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Entstehen und dem Fortschreiten von Alzheimer und dem Mundbakterium gegeben zu sein, erklären die Forscher.

Bei den Mäusen zeigte sich auch, dass Gingipaine im Gehirn Entzündungen auslösen und so die vermehrte Bildung des Eiweißstoffs Beta-Amyloid verursacht. Dieses Eiweiß ist ein Stoff, der typischerweise als Ablagerung bei Alzheimer-Patienten im Gehirn gefunden wird. Außerdem war das Enzym für die Schädigung von Tau-Proteinen im Gehirn verantwortlich. Sie sind für die Neuronen von zentraler Bedeutung und bei Alzheimer-Patienten ebenfalls häufig fehlgebildet.

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Wirksamer Hemmstoff gegen Gingipaine

Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler außerdem Möglichkeiten untersucht, die Wirkung der Gingipaine im Gehirn zu unterbinden. Sie fanden einen Hemmstoff, der aus einem Molekül besteht, das die Blut-Gehirn-Schranke überwinden kann. Er konnte die Wirkung des Enzyms im Gehirn von Mäusen blockieren, die mit dem Bakterium Porphyromonas gingivalis infiziert waren. Bei den Tieren zeigte sich eine deutliche Verminderung der Belastung im Gehirn, sobald der Hemmstoff oral verabreicht wurde. Die Protein-Ablagerungen im Gehirn verringerten sich ebenfalls deutlich, wodurch weniger Neuronen geschädigt wurden.

Nach den erfolgreichen Tests mit Mäusen haben klinische Untersuchungen mit menschlichen Probanden bereits begonnen. Die Forscher hoffen, dass „der Hemmstoff bei Alzheimer-Patienten die weitere Neurodegeneration verlangsamen oder sogar stoppen könnte.“

Zur Vorbeugung gegen eine Demenz- oder Alzheimer-Erkrankung empfehlen die Forscher auf jeden Fall „regelmäßiges Zähneputzen und die Verwendung von Zahnseide“. So könne verhindert werden, dass die Parodontitis-Erreger in großer Zahl entstehen und ins Gehirn gelangen. Aber: Die Wissenschaftler betonen ebenfalls, dass Alzheimer nicht ausschließlich durch die Parodontitis-Erreger verursacht wird.

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Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.