Übergewicht ist in den letzten Jahren weltweit immer mehr zum Problem geworden. Während vor 50 Jahren noch mehr als doppelt so viele Menschen untergewichtig wie übergewichtig waren, ist dieses Verhältnis mittlerweile ins Gegenteil umgeschlagen. Im Jahr 2014 gab es weltweit rund 641 Millionen adipöse Menschen, mehr als sechs Mal so viele wie Mitte der 1970er Jahre – und es sind auch immer mehr Kinder zu dick. In Deutschland sind aktuell fast zehn Prozent der Kinder zwischen zwei und sechs Jahren übergewichtig, davon rund drei Prozent sogar fettleibig.

Im Rahmen der Mutter-Kind-Studie LiNA hat eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern anhand von 498 Mutter-Kind-Paaren untersucht, inwieweit sich mütterliches Stressempfinden während der Schwangerschaft und in den ersten beiden Lebensjahren auf die Gewichtsentwicklung des Kindes bis zum fünften Lebensjahr auswirkt. Dabei haben sie festgestellt, dass subjektiv empfundener Stress der Mutter im ersten Lebensjahr des Kindes schon im Kleinkindalter zu Übergewicht führen kann. Das führe zu einer langfristigen Prägung, schreiben Forscher des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der Universität Bristol und des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung in ihrer gemeinsamen im Fachmagazin BMC Public Health erschienenen Studie.

Die Hauptursachen für Übergewicht sind bei Erwachsenen und Kindern bekanntermaßen falsche Ernährung und zu wenig Bewegung. Im Rahmen der LiNA-Studie kam nun aber heraus, dass auch Stress der Mutter zu einer Entwicklung von Übergewicht bei Kindern beizutragen kann. „Gerade das Zeitfenster während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren ist in der kindlichen Entwicklung sehr sensibel für äußere Einflüsse, die zu Krankheiten oder auch Übergewicht führen können“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Kristin Junge vom Department Umweltimmunologie am UFZ.

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Der empfundene Stress der Mütter wurde mithilfe validierter Fragebögen ermittelt und umfasste die Themen Sorgen und Ängste, Gefühle von Anspannung, allgemeine Zufriedenheit sowie den Umgang mit täglichen Anforderungen. „Die Daten zum empfundenen Stress der Mütter während der Schwangerschaft sowie in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes haben wir mit der Entwicklung des BMI der Kinder bis zu ihrem fünften Lebensjahr ins Verhältnis gesetzt und geschaut, ob es einen Zusammenhang gibt“, erklärt Biochemikerin Dr. Beate Leppert, Erstautorin der Studie, die mittlerweile an der Universität Bristol arbeitet.

Erstes Lebensjahr besonders prägend

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass es in der Tat einen Zusammenhang gibt. Fühlten sich die Mütter im ersten Lebensjahr ihres Kindes besonders gestresst, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihre Kinder in den ersten fünf Lebensjahren einen erhöhten BMI entwickeln. „Die Auswirkungen durch mütterlichen Stress scheinen langfristig prägend zu sein“, sagt Junge. Außerdem stellt sich heraus, dass Mädchen mehr betroffen waren als Jungen. „Es scheint, dass vor allem Töchter gestresster Mütter ein erhöhtes Risiko haben, übergewichtig zu werden“, bestätigt Dr. Saskia Trump, Letztautorin der aktuellen Studie, die mittlerweile am Berliner Institut für Gesundheitsforschung arbeitet. „Es gibt Studien, die zeigen, dass solche psychologischen Faktoren wie das Stressempfinden der Mutter von Jungen möglicherweise weniger intensiv wahrgenommen oder besser kompensiert werden.“

Stress während der Schwangerschaft und nach dem ersten Lebensjahr schien dagegen keine Auswirkungen auf die Kinder zu haben. „Das erste Lebensjahr scheint eine sensible Phase und für die Neigung zu Übergewicht prägend zu sein“, sagt Junge. „In dieser Zeit sollte dem Befinden der Mutter daher besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.“ Ein Grund für diese Tatsache könnte sein, dass Mütter im Lebensjahr ihres Babys besonders viel Zeit mit ihren Kindern verbringen.

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Auch das soziale Umfeld ist ausschlaggebend

Bei Erwachsenen ist bekannt, dass Faktoren wie Bildung und sozialer Status oft auch einen Einfluss auf das Gewicht beziehungsweise Übergewicht haben. Inwieweit diese Faktoren – Haushaltseinkommen, Bildungsstatus sowie Qualität des Lebensumfeldes – auch eine Auswirkung auf die Kinder haben, war daher ebenfalls Teil der LiNA-Studie. Die Ergebnisse zeigen, dass das Umfeld durchaus einen erheblichen Einfluss auf das empfundene Stresslevel der Mütter hatten.

Kinder von Müttern, die viel Verkehr oder Lärm ausgesetzt waren, in einem einfachen Wohnumfeld lebten oder ein niedriges Haushaltseinkommen und daher ein hohes Stressempfinden hatten, neigten eher zu Übergewicht als Kinder von Müttern in gehobeneren Verhältnissen. „Der von Müttern empfundene Stress sollte ernstgenommen werden“, sagt Junge. „Hebammen, Frauen-, Kinder- und Hausärzte sollten im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes besonders aufmerksam sein für Anzeichen von Stress.“ Rechtzeitige Hilfe würde nicht nur das mütterliche Wohlbefinden verbessern, sondern gleichzeitig auch der Übergewichtsentwicklung ihrer Kinder vorbeugen.

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