Lebensmittelproduktion in der Vertikalen – so ungefähr kann man sich die Praxis des Indoor-Farmings vorstellen. Dabei können die senkrechten Flächen in einem Lagerhaus, einem Wolkenkratzer aber auch in einem großen Container angebaut werden. Unter dem Namen „Seven Steps To Heaven“ gründeten Gertjan und Lianne Meeuws eine solche Hight-Tech Farm. Die Besonderheit des Eindhovener Unternehmens: In ihrem landwirtschaftliche Betrieb werden die frischen Produkte nicht nur in der Vertikalen, sondern auch mit LEDs anstelle von Tageslicht und in Kombination mit Temperatur- und Verdunstungssteuerung angebaut. Den größten Unterschied zwischen traditioneller Landwirtschaft sieht Gertjan Meeuws, Geschäftsführer von Seven Steps to Heaven, darin, dass sein Indoor-Bauernhof überall dort betrieben werden kann, wo auch der Verbraucher lebt. Das könnte auch im Zentrum einer Großstadt sein. „Anstatt eine lange Lieferkette zu haben, bei der die frischen Produkte aus der ganzen Welt kommen, stammt das gesamte Obst- und Gemüse von einem lokalen Bauernhof“, erklärt Meeuws das Prinzip. Und er prognostiziert: „Die Indoor-Landwirtschaft ist die neue Lieferkette.“

Ökologischer Landbau 2.0

„Vertikale Landwirtschaft wurde nicht von den Bauern erfunden. Normalerweise arbeiten traditionelle Bauern weit entfernt von den Verbrauchern und müssen sich auf den Ertrag konzentrieren, so dass sie  Geld verdienen“, beschreibt Meeuws die derzeitige Situation. „Züchter entwickeln neue Gemüsesorten mit den Schwerpunkten auf Resistenz und hohe Erträge, nicht aber auf Geschmack und Ernährung. In der Indoorlandwirtschaft geht es ‒ wie in der traditionellen Landwirtschaft auch ‒ um Erträge und Lebensunterhalt, aber darüber hinaus konzentrieren wir uns auch darauf, so nah wie möglich am Markt sichere, schmackhafte und nahrhafte Produkte anzubauen.“

Meeuws ist davon überzeugt, dass die traditionelle Landwirtschaft und die Indoor-Landwirtschaft sehr gut zusammenarbeiten können: „So könnte unser Unternehmen junge Pflanzen züchten, die in einem Gewächshaus oder auf einem offenen Feld angepflanzt werden können und die lebenswichtiger sind als die Pflanzen, die auf traditionelle Weise angebaut werden. Wir können beispielsweise junge Tomatenpflanzen herstellen, die über zusätzliche Energie verfügen, so dass sie, wenn sie unsere Gärtnerei verlassen, in den ersten Wochen noch von dieser Energie im Gewächshaus profitieren. Da diese Pflanzen so stark sind, ermöglicht das den Landwirten sogar, keine oder kaum Pestizide zu verwenden,  Es gibt viele Möglichkeiten, wie unsere Technologie sowie unser Know-how die traditionelle Landwirtschaft und Zucht unterstützen kann.“

Qualtiät, Geschmack und Mehrwert

Alle Pflanzen betreiben Photosynthese: Sie nehmen Kohlendioxid aus der Luft auf und produzieren Sauerstoff und Glukose. Meeuws erklärt, dass es drei Ebenen des Stoffwechsels gibt. Auf der ersten Ebene produzieren die Pflanzen gerade genug Zucker, um am Leben zu bleiben. Auf der zweiten Ebene produzieren sie genug Glukose für die Aufrechterhaltung und das Wachstum. Auf der dritten Ebene produzieren die Pflanzen schließlich mehr Zucker, als sie für ihr Wachstum benötigen. Sie beginnen nun mit der Produktion sekundärer Stoffwechselprodukte. Diese sind besser bekannt als Vitamine und Antioxidantien. Stoffe, die wir für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden dringend benötigen. Sekundäre Metaboliten (Zwischenstoffe) sind auch für das Leben der Pflanzen wichtig. Sie nutzen diese zum Schutz vor Schädlingen oder zur Anziehung von Insekten, die wiederum an der Bestäubung beteiligt sind. Dazu Meeuws: „Wenn die Pflanzen die dritte Ebene des Stoffwechsels erreichen, beginnen sie so etwas wie ein Signal nach dem Motto ‚Umwelt, iss mich nicht!‘ zu geben.“

Im Vergleich zum traditionellen Landbau ist es in der kontrollierten Umgebung einer Indoor-Farm einfacher, die Pflanzen auf das höchste Niveau ihres Stoffwechsels ‒ wo sie mit Vitaminen gefüllt  werden ‒ zu bringen. Zudem müssen in einem vertikalen Anbau nicht aus Transportgründen unreife Produkte geerntet werden. Denn das Konzept eines Indoor-Bauernhofs beinhaltet den lokalen Konsum. Meeuws weist noch auf einen weiteren wesentlichen Unterschied hin: „Der größte Teil der frischen Produkte die wir heute essen wird viel zu früh geerntet ‒ die Pflanzen haben noch nicht ihr volles Potenzial erreicht. Sie sind nicht so lecker und nahrhaft, wie sie hätten werden können.“

Gründe für Indoor-Farming

Laut Meeuws könnte die Indoor-Landwirtschaft eine vielversprechende Lösung für die Regionen in der Welt sein, in denen die Gemüseproduktion begrenzt ist oder frische Produkte nicht völlig sicher zu genießen sind. Er sieht Sicherheitsprobleme vor allem in den Bereichen, in denen die Landwirte aus Ertragsgründen viele Chemikalien verwenden müssen. Und davon gibt es viele Orte in der Welt.

Auch bringen Indoor-Farmen in den Regionen, in denen die Erzeuger und die Verbraucher durch lange Strecken weit voneinander entfernt sind, erhebliche Vorteile. Dies ist zum Beispiel in Afrika der Fall. Hier könnten Indoor-Farmen ihr volles Potenzial entfalten. Meeuws beschreibt afrikanische Städte als städtische Gebiete von enormer Größe. Sie seien einerseits viel größer als Europas Städte, gleichzeitig sei aber meist nicht viel Ackerland drumherum.

So dauere der Transport von den Bauernhöfen in die Städte oftmals zwei bis vier Tage. Hinzu kommt, dass die Straßen nicht besonders gut sind. Darüber hinaus gibt es in Afrikas Trockenzeit nicht sehr viel Wasser für die Pflanzen.

Ein moderner Supermarkt in Abu Dhabi, Algerien, Ruanda oder Angola sieht fast so aus wie ein Jumbo oder Albert Heijn [niederländische Supermarktketten]. Aber wenn Sie in die Frischwarenabteilung gehen, werden Sie feststellen, dass das Gemüse 2 – 3 mal so teuer ist, wie in den Niederlanden.“

Auch sei die Qualität laut Meeuws unterschiedlich: Gemüse sei nicht immer gut und frisch. Deshalb sieht er in Afrika ein riesiges Potenzial für die vertikale Landwirtschaft. Doch unter dem Aspekt der Qualitätssteigerung bei gleichzeitiger Preissenkung schient dieses Potenzial eigentlich überall auf der Welt vorhanden.

Doch was kostet eine Indoor-Farm eigentlich? Um eine vertikale Farm zu bauen, braucht man einen Investor und einen Betreiber der Farm. Das muss nicht zwangsläufig das gleiche Unternehmen sein. „In der traditionellen Landwirtschaft besitzt und betreibt der Landwirt den Betrieb in der Regel selbst. Doch wir sind davon überzeugt, dass es vorteilhaft sein könnte, diese Funktionen auf zwei verschiedene Parteien aufzuteilen. Deshalb sehen wir die Zukunft der vertikalen Landwirtschaft in einem Modell aus Immobiliengesellschaft und Betriebsgesellschaft. Diese sollte den Betrieb von den Immobiliengesellschaften pachten. So könnte der Bau-Prozess von Indoor-Farmen beschleunigt werden“, vermutet Meeuws.

Die Zukunft der vertikalen Landwirtschaft

„Wenn wir in den nächsten drei Jahrzehnten 10 Milliarden Menschen auf rationale Weise ernähren wollen, müssen wir zwischen den Lebensmitteln wie Mais, Weizen und Sojabohnen, die nur als reiner Brennstoff für den Körper dienen und den Lebensmitteln, die die Menschen zum Aufbau oder zur Genesung ihres Körpers benötigen – dazu gehören Vitamine, Antioxidantien usw. –, unterscheiden. Wenn wir diese beiden Arten von Lebensmitteln auf intelligente Weise kombinieren, werden wir in der Lage sein, Menschen auf der ganzen Welt mit Lebensmitteln zu versorgen, die vielleicht nicht billig, aber erschwinglich sind“, so Meeuws. Und er weist darauf hin: „Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig. Denn wenn die Kinder in den ersten 4 – 5 Lebensjahren die Nahrung erhalten, die sie wirklich brauchen, entwickelt sich ihr Gehirn besser. Als Folge sind die lebenslangen Kosten in der Gesundheitsversorgung niedriger.“ Deshalb hält es der Geschäftsfüher von Seven Steps To Heaven für vernünftiger, zukünftig etwas mehr in qualitativ hochwertige Lebensmittel zu investieren als viel mehr für Medikamente und Krankenhausbehandlung auszugeben. „Wir brauchen einen ganzheitlicheren Ansatz in der Landwirtschaft. Sie kann nicht ohne Bezug zu anderen Disziplinen behandelt werden. Das Gesundheitswesen sollte zu diesen Disziplinen gehören, damit die Lebensmittel zu Medikamenten anstelle der pharmazeutischen Produkte werden können.“ Diesen multidisziplinären Ansatz der vertikalen Landwirtschaft setzt das Unternehmen bereits jetzt in seiner Arbeit ein.

In Zukunft könnte die Entwicklung der Indoor-Landwirtschaft das Angebot von Menüset-Lieferanten wie HelloFresh verändern. „Im Moment haben Sie ein Abonnement, Sie bestellen eine Schachtel und erhalten alle Produkte, die Sie brauchen, um eine Mahlzeit für eine Familie zu kochen. Dabei enthält die Box die Lebensmittel, die der Lieferant beschaffen konnte. Der nächste Schritt ist es, diese Beschaffung einzustellen und selbst mit dem Anbau der Produkte zu beginnen“, so Meeuws.

„Die gesamte Einzelhandelslandschaft von heute basiert auf Überproduktion. Deshalb stehen uns Tomaten, Gurken und anderes Gemüse jederzeit zur Verfügung. Wenn niemand diese Produkte kauft, werden 40 Prozent von allem, was wir anbauen, weggeworfen. Das ist einer der Gründe, warum Lebensmittel teuer sind. Mit der Entwicklung des Indoor-Farmings kann ein Verbraucher Mitglied eines Familienbetriebs, der frische Produkte für eine bestimmte Anzahl lokaler Familien liefert, sein ‒ unter diesen Umständen wissen die Landwirte, was und wie viel sie produzieren sollten, damit sie die Produktion im Gleichgewicht halten können“, so Meeuws.

Wenn wir weniger Lebensmittel verschwenden wollen, sollten wir in der Lage sein, die Verbraucherwünsche zu kennen – und zwar nicht heute, sondern in 5 – 6 Wochen.

Meeuws warnt zudem: „Solange wir Last-Minute-Bestellungen annehmen und morgen frische Produkte liefern, können wir nur weiter überproduzieren ‒ und das ist kein guter Weg, um die schnell wachsende Bevölkerung unserer Welt zu ernähren.“