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Noch ist die EU-Verordnung nicht rechtskräftig, aber in verschiedenen Mitgliedsländern wird das anvisierte Verbrenner-Aus ab 2035 nicht unbedingt begrüßt. Vor allem das Nicht-Zulassen von alternativen klimaneutralen Antrieben, wie beispielsweise E-Fuels in Verbrennungsmotoren wird von vielen als großer Fehler betrachtet. Aber ist das wirklich so?

Norwegen wird allgemein als das Land der Elektromobilität bezeichnet. Sieht man sich die Zahlen allerdings einmal genauer an, kommt Ernüchterung auf.

Ende 2021 sind im hohen Norden insgesamt 2.893.987 Pkw zugelassen, davon sind 460.734 reine Elektrofahrzeuge. Das macht am Gesamtbestand einen Anteil von nur 16 Prozent aus. Bis einschließlich Mai 2022 wuchs der Bestand an Elektrofahrzeugen um 46.573 auf rund eine halbe Million Einheiten an.

Über 80 Prozent der Pkw werden somit weiter mit Verbrennungsmotoren betrieben. Dass Norwegen bis 2035 einen Löwenanteil seines Individualverkehrs elektrifiziert haben wird, daran zweifelt jedoch niemand. Aber es wird selbst dort knapp werden. 

In Deutschland siehts noch schlechter aus

In Deutschland ist der Anteil der Stromer noch geringer am Gesamtfahrzeugbestand. Bei 48,5 Mio Pkw (KBA) fahren derzeit noch weniger als 1 Mio. reine Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen. Kein Wunder. Deutschland ist auch erheblich später in die Elektromobilität eingestiegen und derzeit machen Nachschubprobleme dem schnelleren Zuwachs an Elektromobilität einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Zudem agierte Deutschland recht ungeschickt bei der Förderung und beim sogenannten „Umweltbonus“. Während Norwegen beispielsweise bei elektrischen Fahrzeugen anfangs auf die Luxus- und Mehrwertsteuer verzichtete, feierte die deutsche Bürokratie wieder einmal fröhliche Urständ.

Fragen wir pragmatisch: was ist das Ziel?

Das große Ziel ist der Klimaschutz. Wie man den erreicht, das wird zumindest in deutschen Landen ganz anders angepackt, als woanders. Dort geht man pragmatischer als in Deutschland vor und versucht den CO2-Ausstoss so schnell wie möglich zu senken. Was in Deutschland bislang eher schlecht funktioniert hat. Dank ideologischer Kleinkariertheit und ziemlich hirnloser Energie-Politik nimmt der CO2-Anteil in Deutschland derzeit eher zu als ab. 

SUV’s und Kohlekraftwerke

Vor allem SUV’s und größere, PS-stärkere Verbrennerfahrzeuge haben in Deutschland, aber auch Europa, dazu geführt, dass der durchschnittliche CO2-Ausstoss im Verkehr seit Jahren zu-, satt abnimmt. 

Dank der fehlgeleiteten Energiepolitik, die den Atomausstieg VOR dem Kohleausstieg durchführte, bleibt derzeit auch der CO2-Anteil pro Kilowattstunde hoch, Erneuerbare hin oder her. Laut dem Portal „Stromauskunft“ stammte der Strom im ersten Quartal 2022 erneut mehrheitlich aus klimaschädlichen Energieträgern. Mit anderen Worten, auch hier wird nur sehr langsam eine Linderung erreicht.

Rohstoff- und Nachschubkrise

Und schon dräut die nächste Krise: Der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt, weil Rohstoffe aber auch fertige Solarpanels aus Fernost kommen, nachdem man die deutsche Solarindustrie in den letzten Jahren infolge der Gestehungskosten in die Pleite oder nach China trieb. Zudem fehlen zigtausende von Handwerkern für eine schnellere Transformation im Wohnungsmarkt. Von den Hindernissen durch die Politik ganz zu schweigen.

Aber zurück zum Thema. Der Verbrennerausstieg.

Die Voraussetzungen für ein Gelingen am gesetzten Endtermin in Europa sind also derzeit denkbar schlecht. Stellantis-Chef Tavares nahm die EU-Ankündigung übrigens zum Anlass den europäischen Autoverband ACEA zu verlassen. Tavares ist mit der „Lobbyarbeit“ des Verbandes unzufrieden. Die wird übrigens derzeit angeführt von BMW-Chef Oliver Zipse, der und das ist das Pikante an der Sache, als einziger rein deutscher CEO vor einem zu schnellen Verbrenner-Aus gewarnt hat. Seine Kollegen bei VW und Mercedes-Benz können übrigens bestens mit der Ankündigung leben. Für die OEMs wird 2035 auch kein Problem darstellen, für den Ottonormalverbraucher jedoch schon.

E-Fuels als Übergangslösung?

Zipse selbst hatte in der Vergangenheit immer wieder „Technologieoffenheit“ angemahnt. Die wäre für eine schnelle Umstellung der europäischen Verbrenner-Pkw-Flotten auf CO2-armen bzw. neutralen Antrieb tatsächlich nicht ganz verkehrt. Durch E-Fuels könnte der riesige Bestand an Verbrenner-Kraftfahrzeugen tatsächlich sauberer betrieben werden. Vorausgesetzt, der synthetische Kraftstoff wird aus regenerativen Energien hergestellt und der dafür nötige CO2-Anteil aus der Luft extrahiert.

Und genau das ist das Dilemma: Die europäische und vor allem deutsche Energiepolitik verhält sich kontraproduktiv zur sauberen Energieherstellung. Mit Wind- und Solarkraft alleine lässt sich das alles nämlich kaum bis 2035 stemmen, auch wenn Öko-Aktivisten dies immer wieder beschwören. Die Physik  (und bittere bisherige Erfahrung) spricht gegen sie.

Deshalb wird auch die regenative Energieerzeugung kaum für E-Fuels verschwendet werden können. Denn für eine Transformation müssen Verkehr, Industrie und Haushalte weg vom fossilen Brennstoff hin zu elektrischen Varianten. Also EVs, Wärmepumpe und Elektrifizierung der Industrien (soweit möglich). Der Strombedarf wird dann nicht weniger, sondern vehement größer sein als heute. Die Quadratur des Kreises droht.

Disclaimer

Sicher, die Herstellung von E-Fuels ist äußerst energieintensiv und teuer. Das große Ziel jedoch, der Klimaschutz und die drastische Verringerung von CO2-Emissionen, kostet Geld, viel Geld und muss auf vielen Füßen stehen. Das kann nur in einer konzertierten Aktion Europas und der Welt gelingen. E-Fuels müssen dabei nicht in Europa, sondern dort hergestellt werden, wo viel Wind weht, die Sonne kräftig scheint und Energie günstig ist. 

Bei allem Pragmatismus glaube ich jedoch nicht daran, dass das von unserer derzeitigen Politikergeneration ermöglicht werden kann. Dazu ist man zu kurzsichtig in seinen Entscheidungen und der Einfluss gewisser Klima-Aktivisten-Lobbygruppen zu groß.

Die Lösung?

Die Lösung, die den Klima-Aktivisten vorschwebt ist sowieso ein andere. Böse formuliert, sollen in Zukunft nicht 90 Prozent des Individual-Verkehrs elektrisch stattfinden, sondern schlicht gar nicht mehr. 

Schöne neue Welt.

Über diese Kolumne:

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Eveline van Zeeland, Eugene Franken, Katleen Gabriels, PG Kroeger, Carina Weijma, Bernd Maier-Leppla, Willemijn Brouwer und Colinda de Beer geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, die manchmal durch Gastblogger ergänzt werden, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Bitte lesen Sie hier die bisherigen Episoden.

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