Die menschlichen Nieren filtern täglich etwa 1.500 Liter Blut und steuern zum großen Teil den Wasser- und Mineralstoffhaushalt des Körpers. Ohne sie würde sich unser Körper sehr schnell selbst vergiften. Schon bei eingeschränkter Leistung der Nieren kann es zu Beschwerden wie Schwellungen der Beine oder des Gesichts kommen, zu Müdigkeit, Übelkeit, Gewichtsverlust oder Muskelkrämpfen.

Weltweit haben ca. 850 Millionen Menschen eine Nierenkrankheit. Laut Deutscher Nierenstiftung sind in Deutschland vier bis sechs Millionen Menschen von einer eingeschränkten Nierenfunktion betroffen, bei rund acht Millionen ist die Krankheit bereits chronisch, 80.000 Patienten werden langfristig mit der Dialyse behandelt, etwa 8.000 von ihnen warten auf eine Nierentransplantation. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind Personen unter 50 Jahren eher selten betroffen, in der Altersgruppe 70 bis 79 Jahre dagegen jeder Achte, wobei Frauen häufiger nierenkrank sind als Männer.

Als wichtigste Risikofaktoren für eine chronische Nierenkrankheit gelten Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Sind die Funktionsstörungen schon soweit fortgeschritten, dass die Nieren komplett versagen, können Patienten mit einer Dialyse (Blutwäsche) behandelt werden, langfristig hilft oft nur noch eine Nierentransplantation.

Ursachenforschung anhand riesiger Datenberge

Wissenschaftler aus mehr als 270 Forschungsabteilungen weltweit haben unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg Daten 1,05 Millionen Studienteilnehmern ausgewertet, um neue Risikogene für Nierenerkrankungen zu identifizieren. In diesem mehrjährigen Projekt konnten sie 166 Genorte erstmals nachweisen. Elf dieser Gene beherbergen nach Ansicht der Wissenschaftler besonders relevante Risikovarianten, die unter anderem für die Medikamentenentwicklung wichtig sein könnten.

Nieren

© Universitätsklinikum Freiburg

„Unsere Studie hilft zu verstehen, wie Nierenschäden entstehen und sie liefert dringend benötigte Ansätze für neue Therapien“, sagt Erstautor Dr. Matthias Wuttke, Arzt und Wissenschaftler am Institut für Genetische Epidemiologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Chronische Nierenkrankheiten gehören zu den am stärksten ansteigenden Todesursachen der letzten zehn Jahre. In der Öffentlichkeit werden sie aber kaum wahrgenommen.“

Um nachweisen zu können, dass das Auftreten bestimmter Gen-Varianten im Zusammenhang mit einer Nierenerkrankung steht, werteten die Forscher Datensätze des internationalen „Chronic Kidney Disease Genetics (CKDGen) Consortiums“ und des US-amerikanischen „Million Veteran Program“ aus. „Nur aufgrund der enormen Größe unserer Studie war es uns möglich, so viele neue Genorte zu finden, die sehr wahrscheinlich Nierenkrankheiten begünstigen“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Genetische Epidemiologie am Universitätsklinikum Freiburg.

Hoffnung auf neue Behandlungswege

Bisher war für 166 der insgesamt 264 gefundenen Genveränderungen kein Einfluss auf die Nierenfunktion bekannt. „Elf der identifizierten Gene scheinen für einen Therapieansatz besonders vielversprechend. Wir haben die Hoffnung, dass sich so neue Wege finden lassen, um Nierenkrankheiten ursächlich behandeln zu können“, sagt Co-Erstautor Dr. Yong Li vom Institut für Genetische Epidemiologie.

Die Forscher hatten bei ihrer Studie besonders solche Gene im Blick, welche die Fähigkeit der Niere beeinflussen, das Blut durch Filtration von Schadstoffen zu befreien. Zusätzlich verglichen sie die Genaktivität von 46 Gewebetypen des gesamten Körpers. Dabei zeihte sich, dass viele relevante Genveränderungen zu einer Veränderung der Genaktivität im Gewebe der Nieren und des Urogenitaltrakts führen. „Das spricht stark dafür, dass auch neue Therapien direkt in diesen Geweben ansetzen sollten“, sagt Wuttke.

Die Studie erschien am 31. Mai 2019 im Fachmagazin Nature Genetics.

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