Basierend auf der Anzahl der Galaxien, die wir sehen können, und der Anzahl der Sterne in jeder Galaxie, schätzen Astronomen die Anzahl von Sternen auf etwa 7×10˄22 – eine Zahl mit 22 Nullen! Vermutlich ist die genaue Zahl aber noch viel höher, da immer empfindlichere Teleskope im Laufe der Zeit sicher immer mehr Galaxien und Sterne enthüllen werden. Anhand der aktuellen Zahlen haben schlaue Köpfe ausgerechnet, wie viele Sterne pro Minute sterben: rund 26 Milliarden. Einer, der sich aktuell im Todeskampf befindet, ist R Aquarii, einer der symbiotischen Doppelsterne, die der Erde am nächsten sind – nur 650 Lichtjahre von der Erde entfernt, astronomisch gesehen also ein naher Nachbar.

Bei Tests eines neuen Subsystems von SPHERE, dem Instrument zur Planetensuche am Very Large Telescope der ESO, konnte ein internationales Forscherteam beeindruckende Details der turbulenten Wechselwirkungen im Doppelstern R Aquarii erfassen, dessen Verhältnis zu seinem kleinen Begleiter alles andere als friedlich ist. Trotz seiner winzigen Größe entzieht der kleinere der beiden Sterne seinem sterbenden Begleiter, einem Roten Riesen, nämlich ständig Material.

„Normalerweise umkreisen Doppelsterne einander, ohne miteinander Materie auszutauschen. Sie kreisen dann um den gemeinsamen Schwerpunkt“, erklärt Dr. Markus Nielbock vom Haus der Astronomie in Heidelberg. „Nur wenn sie sich sehr nahe kommen, überlagern sich ihre Gravitationsfelder so, dass Materie von einem Stern auf den anderen übertragen werden kann. Je nachdem, wie nahe die Sterne sich kommen, können sie sich sogar durch die gegenseitige Gravitationswirkung stark verformen und ähneln dann ganz und gar nicht dem Idealfall eines kugelförmigen Objekts. Dabei verlieren sie durch Gezeitenkräfte Rotationsenergie und nähern sich allmählich an.“

R Aquarii sei aber ein Sonderfall, betont er. „Die beiden Sterne sind sich gar nicht so nahe. Jedoch stößt der rote Riesenstern wegen seiner Variabilität regelmäßig Materie ab, die in Form eines Winds auf den Begleiter übergeht.“

R Aquarii
Das Bild ist ein Farbverbund aus Aufnahmen der Digitalized Sky Survey 2 (DSS2) und zeigt die Region um R Aquarii, den leuchtend orangefarbenen Punkt in der Mitte des Bildes.

R Aquarii: Todesschreie im All

Im Laufe jahrelanger Beobachtungen konnten die Wissenschaftler die besondere Geschichte hinter dem Doppelstern R Aquarii enthüllen. Der größere der beiden Sterne, der rote Riese, gehört zur Klasse der Sterne, die als Mira-Veränderliche bekannt ist. Diese Sterne beginnen am Ende ihres Lebens zu pulsieren und werden 1.000 mal so hell wie die Sonne, wenn sich ihre äußeren Hüllen ausdehnen und ins All geworfen werden. R Aquaris Todeskampf ist bereits dramatisch, da der Weiße Zwerg, der kleiner, dichter und viel heißer ist als der Rote Riese, ihm auch noch Material aus den äußeren Schichten entzieht, während der Rote Riese „Todesschreie“ ausstößt.

„Als ‚Todesschreie‘ kann man die starken Pulsationen und den starken Massenauswurf durchaus bezeichnen“, erklärt Dr. Ulrich Bastian vom Astronomischen Recheninstitut der Universität Heidelberg. „Der Todeskampf sind die späten noch aktiven Entwicklungsphasen eines Sterns mittlerer Masse (4-6 Sonnenmassen), d.h. die Phasen, in denen im Kern der Brennstoff ausgegangen ist und nur noch weiter außen in zwei dünnen Schalen Kernenergie erzeugt wird (durch Wasserstoffbrennen in der äußeren und Heliumbrennen in der inneren).“

Diese Phase dauere nur eine bis wenige Millionen Jahre, fährt er fort. „Im Vergleich zu hunderten Jahrmillionen bis Jahrmilliarden für die vorangehenden Phasen. So gesehen kann man das schon als den Todeskampf bezeichnen. Verglichen mit 70 Lebensjahren eines Menschen wären es die letzten Monate.“

Der Todeskampf von R Aquarii könne durch den Weißen Zwerg, der ihm wie ein Vampir Materie abzieht, allerdings etwas beschleunigt werden, sagt Bastian. „Was ist der Tod? Das Ende der Mirastern-Phase? Ja, das fällt ziemlich mit dem Ende der Energie-Erzeugung zusammen. Dann wäre der Todeskampf (die Mirastern-Phase bzw. AGB-Phase) zwischen einer halben und einer Million Jahre lang, wenn kein Begleiter da ist. Und der Begleiter kann dies auf bis zu hunderttausend Jahre herunter verkürzen, weil der den Massenverlust verstärkt und damit das Ende der Energie-Erzeugung beschleunigt.“

Dieses Material sammelt sich hin und wieder in genügender Menge auf der Oberfläche des Weißen Zwerges an, um eine thermonukleare Nova-Explosion auszulösen, ein gewaltiges Ereignis, das große Mengen an Material in den Weltraum wirft. Die Überreste vergangener Nova-Ereignisse sind in dem schwachen Gasnebel zu sehen, der von R Aquarii ausgeht.

Bilder: ESO

Zum Thema:
LMU-Physiker: „Überraschend, wie schnell Planeten entstehen“
ESO-Teleskop zeigt erstes bestätigtes Bild eines neugeborenen Planeten
Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie erfolgreich getestet
Wie steht‛s um das Gehirn von Astro-Alex? LMU-Forschung sagt wenig Gutes voraus
Supererde entdeckt – ein kalter, lebensfeindlicher Ort

[/mepr-show]

Werden Sie Mitglied!

Auf Innovation Origins können Sie täglich die neuesten Nachrichten über die Welt der Innovation lesen. Wir wollen, dass es so bleibt, aber wir können es nicht allein tun! Gefallen Ihnen unsere Artikel und möchten Sie den unabhängigen Journalismus unterstützen? Dann werden Sie Mitglied und lesen Sie unsere Geschichten garantiert werbefrei.

Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.