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Dass das SARS-CoV-2-Virus nicht nur die Atemwege- und -organe, Niere, Blutgefäße und den Darm angreift, ist mittlerweile bekannt. Britische Forscher des University College London und der University of Liverpool stellten in verschiedenen Studien mit COVID-19-Patienten nun zahlreiche weitere Schädigungen fest. Und das nicht nur bei Fällen mit schweren Verläufen und alten Menschen mit Vorerkrankungen. Auch junge Menschen und solche mit milden Verläufen können ernsthafte Schäden davontragen. Neurologische Schäden. Zu diesen zählen Delirium, Hirnentzündung, Schlaganfall und entzündliche Nervenschäden.

Einige dieser neurologischen Komplikationen treten bereits zu Beginn der Krankheit auf, andere erst Wochen später. Insgesamt seien diese Folgen zwar selten, betonen die Wissenschaftler, es gebe aufgrund der hohen Fallzahlen aber Tausende Betroffene. Alleine in Großbritannien. So identifizierte das Forscherteam eine normalerweise seltene und manchmal tödlich verlaufende entzündliche Erkrankung, ADEM, deren Häufigkeit aufgrund der Pandemie offenbar zunimmt. Andererseits hatten einige der Patienten keine respiratorischen Symptome. Bei ihnen war die neurologische Erkrankung der erste und wichtigste Hinweis auf COVID-19.

Epidemie von Hirnschäden?

„Wir haben eine höher als erwartete Anzahl von Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Hirnentzündungen identifiziert, die nicht immer mit dem Schweregrad der Atemwegssymptome korrelierten“, sagt der Seniorautor der Studie, Dr. Michael Zandi vom UCL Queen Square Institute of Neurology und University College London Hospitals NHS Foundation Trust. „Wir sollten wachsam sein und bei Menschen, die COVID-19 hatten, auf diese Komplikationen achten. Ob es im Zusammenhang mit der Pandemie zu einer Epidemie großen Ausmaßes von Hirnschäden kommen wird – vielleicht ähnlich dem Ausbruch der Encephalitis lethargica in den 1920er und 1930er Jahren nach der Grippepandemie von 1918 –, bleibt abzuwarten.“

Insgesamt untersuchten die Forscher der beiden Universitäten mehr als 900 Fälle von Covid-19-Patienten im Alter von 16 bis 85 Jahren, von denen ein Teil eine vorübergehende Enzephalopathie entwickelt hatte und unter Delirien litt. Andere eine Enzephalitis (Hirnentzündung), wieder andere hatten einen Schlaganfall, der auf die übermäßige Dickflüssigkeit des Blutes bei COVID-19-Patienten zurückzuführen ist. Darüber hinaus beobachten die Wissenschaftler auch Entzündungen und Ausfallerscheinungen peripherer Nerven oder des Rückenmarks. Außerdem Krampfanfälle, andere Symptome gestörter Nervenfunktion und weitere Nervenschäden wie das Guillain-Barré-Syndrom, eine temporäre Lähmung durch entzündliche Nervenveränderungen.

Das Team am University College London untersuchte in seiner Studie 43 Patienten. Bei neun von zwölf Personen mit Hirnentzündungen diagnostizierten sie eine akute, disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM). Diese Krankheit ist nicht nur selten, sie tritt im Allgemeinen fast ausschließlich bei Kindern auf und kann durch Virusinfektionen ausgelöst werden. Normalerweise hätten sie etwa einen erwachsenen Patienten mit ADEM pro Monat, sagen die Forscher. Während des Zeitraums ihrer Studie sei diese Zahl aber auf mindestens einen pro Woche angestiegen. „Das ein besorgniserregender Anstieg.“

Virus nicht in Hirnflüssigkeit nachgewiesen

Da das SARS-CoV-2-Virus bei keinem der getesteten Patienten in der Hirnflüssigkeit nachgewiesen werden konnte, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Virus das Gehirn nicht direkt angreift. Das deute darauf hin, dass einige neurologische Komplikationen von Covid-19 weniger auf das Virus selbst, sondern mehr auf die Immunreaktion des Körpers zurückzuführen sein könnten. Um herauszufinden, ob diese neurologischen Komplikationen nun vom Coronavirus selbst oder indirekt durch das angegriffene Immunsystem verursacht werden, seien weitere Untersuchungen erforderlich.

„Angesichts der Tatsache, dass es die Krankheit erst seit einigen Monaten gibt, wissen wir möglicherweise noch nicht, welche Langzeitschäden COVID-19 verursachen kann“, erklärt Dr. Ross Paterson vom UCL Queen Square Institute of Neurology, einer der Erstautoren der Studie, die in der Zeitschrift Brain veröffentlicht wurde. „Die Ärzte müssen sich der möglichen neurologischen Auswirkungen bewusst sein, da eine frühe Diagnose die Ergebnisse der Patienten verbessern kann. Menschen, die sich von dem Virus erholen, sollten bei neurologischen Symptomen professionellen Rat einholen.”

Unterstützt wurden die Forscher vom National Institute for Health Research, dem UCLH Biomedical Research Centre, dem Medical Research Council, der Alzheimer’s Association und dem UK Dementia Research Institute.

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Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.