Lars Lienhard verbindet die Neurowissenschaften mit dem Athletik-Training und möchte damit Elite fernab der Doping-Problematik kreieren. Sein Neuro-Athletik- Training verhalf schon einigen deutschen Spitzensportlern zum Sieg.

Etablierte Trainingssysteme setzen auf Biomechanik – und eine Soll-/Ist-Analyse. Der menschliche Körper besteht aber nicht nur aus Knochen, Knorpeln, Muskeln, Sehnen, Bändern und Bindegeweben. Bewegungssteuernde neuronale Abläufe – also die  muskelversorgenden Nerven, das Rückenmark und das Gehirn – bleiben bei biomechanischen Ansätzen unberücksichtigt.

Lienhard konzentriert sich auf die neuronalen Hintergründe für den jeweiligen Ist-Zustand. Er entwickelt für seine Klienten individuelle Analysen und eben solche Trainingskonzepte. Dabei bezieht er auch die Techniken der jeweiligen Sportart ein. Laut Lienhard kann Neuro-Athletik-Training zu einer erheblichen Leistungssteigerung führen. Große und noch ungenutzte Leistungsreserven des Athleten werden aktiviert und bewegungsbedingte Verletzungen vorbeugend vermieden.

Bewegungssteuernde Instanzen

Der Sportwissenschafter wendet seine Methode seit 2010 im deutschen Spitzensport an. Er war bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2014 Teil des Betreuerteams und auch der Skispringer Fabian Rießle und die Hundert-Meter-Sprinterin Gina Lückenkemper setzen auf seine Betreuung.

Neuro-Athletik-Training basiert auf spezifischen motorischen Kontrollübungen für jedes einzelne Gelenk im Körper an. Involviert sind aber auch Augen, Ohren und – die Zunge. Dabei geht es um drei bewegungssteuernde Instanzen aus Gehirn und Nervensystem:

  • das visuelle System (die Augen);
  • das vestibuläre System (das Gleichgewichts-System im Innenohr);
  • das propriozeptive System (die Informationen aus der Körper-Peripherie);

 

Datenverarbeitung

Die Trainingssituation ist unüblich: Die Athleten trainieren mit Dingen wie einer Augenbinde, einer Brille, wie sie sonst nur Augenärzte verwenden und einer Neun-Volt-Batterie. Es geht um die best- und schnellstmögliche Datenverarbeitung, so Lienhard. Visuelle Daten sind evolutionsbiologisch am wichtigsten. Das erklärt zum Beispiel, warum der Skispringer Rießle in seinem Training farbige Kugeln auf einer Schnur fixieren muss.

Die Sprinterin Lückenkemper verwendet eine Neun-Volt-Batterie zur Verstärkung von Trainingsreizen. Sie legt die Batterie auf die Zunge und lässt die kurzen Stromstöße auf die Gehirnprozesse wirken. Die Zunge kann das motorische Lernen und damit die Bewegungstechnik des Athleten verbessern, erklärt Lienhard. Im Techniktraining werden Stimuli an das Gehirn gesendet. Wenn der Stimulus zu schwach ist, kann dieser durch die neuronale Einbindung der Zunge nachhaltig gefestigt werden. Ziel ist es, eine nachhaltige neuroplastische Veränderung im Gehirn hervorzurufen.

Unter neuronaler Plastizität versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern – um laufende Prozesse zu optimieren.

Ganzheitliche Perspektive

Der Mensch ist nur so stark wie sein schwächster Punkt, sagt Lienhard. Alle Elemente im menschlichen Bewegungs-System sind miteinander verbunden und stehen in Wechselwirkung zueinander. Kontrolliert werden diese von bewegungssteuernden Instanzen aus Gehirn und Nervensystem: Augen, Gleichgewichts-System und Körper-Peripherie. Liegen biomechanische Defizite vor, so orten die Systeme Gefahr und starten einen Schutzmechanismus.

Neuronale Kontrolle

Lienhard erklärt die Funktion der bewegungssteuernden Instanzen am Beispiel des Fußes: Ist ein kleines Gelenk im Fuß nicht zu hundert Prozent unter neuronaler Kontrolle, werden die Muskeln, die daran hängen und das Gelenk in der Bewegung belasten würden, heruntergefahren. Der gefährdete Punkt wird entlastet und die neuronal kontrollierbaren Strukturen werden stärker genutzt. Dadurch steigt die Verletzungsgefahr: Fußgelenke müssen bei jedem Schritt das zwei- bis dreifache unseres Körpergewichts abfedern.

Ein anderes Beispiel ist der Beckenschiefstand, an dem alle bewegungssteuernden Instanzen beteiligt sind: Wenn ein Auge, eine Körperseite oder ein Teil des Gleichgewichts-Sinns dem Gehirn mehr und präzisere Informationen liefert, werden diese auch benutzt. Das Gehirn kompensiert den mangelhaften Input und diese Kompensationsstrukturen lassen sich mechanisch als Schiefstand messen. Dennoch geht es um die Software, die hinter der Biomechanik steht, so Lienhard.

Die Entstehung

Die Grundlagen eignete sich Lienhard bei Eric Cobb an, der als Begründer des neuronalen Trainings- und Therapie-Ansatzes gilt. Der Amerikaner wollte die Lücke zwischen der Biomechanik und den neu aufkommenden Neurowissenschaften schließen und entwickelte das neurobiomechanische Modell Z Health. Dieses bezieht sich auf fünf Kernbereiche:

  • Veränderung der körperlichen Struktur;
  • Eliminierung von Schmerz;
  • Verbesserung der Leistung;
  • Prävention von Verletzungen;
  • Motivation und Veränderung von Gewohnheiten;

 

In den vergangenen fünfzehn Jahren entwickelte Cobb Modelle für spezifische Anwendungen. Diese vermittelt er in Kursen an Trainer und Therapeuten aus den Bereichen Rehabilitation und Hochleistungssport. Cobb sagt, dass allgemeines Training allgemeine Leistungen hervorbringt. Seine Schüler werden auf ein persönliches Training eingeschworen. Sie lernen die Gehirn-/Körper-Schnittstelle ihrer Klienten zu lesen – und aus Gang- und Bewegungsanalyse individuelle Trainingsprogramme zu entwickeln.

In den Vereinigten Staaten ist der neuronale Ansatz in Training und Therapie schon sehr populär. In Deutschland steckt dieser noch in den Anfängen. Aber Lienhard und sein Team arbeiten an der Verbreitung. Er und sein Kreis haben bereits zwei Bücher veröffentlicht und im Dezember 2018 die erste Neuro-Athletik-Konferenz im München abgehalten.

Unter diesem Link finden Sie ein Video zu Neuro-Athletik-Training.

 

Foto oben: Neuro-Athletik-Trainer Lars Lienhard (li) mit dem ehemaligen Handballspieler Dominik Klein.

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