Bisher war es unklar, welcher Schweregrad einen operativen Eingriff bei Mitralklappen-Insuffizienz nahelegt. Forscher an der Medizinischen Universität Wien gelang es erstmals einen genauen Grenzwert festzulegen. Außerdem entdeckten sie einen neuen Marker, der auch bei darunter liegenden Werten für einen operativen Eingriff am Herzen sprechen kann.

Die Mitralklappe ist eine von vier Herzklappen. Sie befindet sich zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer. Ihre Form ist segelartig und sie hat die Aufgabe, den Rückfluss von Blut aus der linken Herzkammer in den linken Vorhof zu verhindern. Ist die Schließfähigkeit der Mitralklappe gestört, kommt es zum Rückfluss und man spricht von einer Mitralklappen-Insuffizienz. Je mehr Blut durch die undichte Klappe zurückfließt, desto höher der Schweregrad der Störung. Verschiedene Schweregrade erfordern verschiedene Therapien. Ab einem bestimmten Schweregrad ist ein operativer Eingriff notwendig.

Neuer Grenzwert

Über eben diesen Schweregrad besteht seit Jahren Uneinigkeit unter Kardiologen. In den USA wurde dieser mit sechzig Milliliter festgesetzt, in Europa mit dreißig Milliliter, erklären Philipp Bartko und Georg Goliasch von der Universitätsklinik für Innere Medizin II in Wien. Ihrem Team gelang jetzt erstmals eine genaue Klassifizierung des Schweregrads. Sie konnten:

  • den genauen Zusammenhang zwischen dem zurückfließenden Blut und dem Überleben von Betroffenen zeigen;
  • einen neuen Grenzwert für die Notwendigkeit eines operativen Eingriffs festlegen;

Diese Erkenntnisse erleichtern die Einschätzung welcher Patient welche Therapie zu welchem Zeitpunkt braucht, so die Forscher. Sie gehen davon aus, dass dies die Behandlungsleitlinien weltweit revolutionieren wird – insbesondere in der Präzisionsmedizin.

Neuer Mittelwert

Die Forscher konnten beweisen, dass bei einem Schweregrad von fünfundvierzig Milliliter ein operativer Eingriff notwendig ist. Ein Rückfluss von zwanzig Milliliter ist hingegen unbedenklich. Außerdem wurde eine Mittelgruppe identifiziert, die einer weiteren Klassifizierung bedarf. In dieser Mittelgruppe liegt der Rückfluss zwischen zwanzig und fünfundvierzig Millilitern. Zu klassifizieren ist die Menge des zurückfließenden Blutes, das tatsächlich wieder in den Kreislauf gelangt. Kommen weniger als fünfzig Prozent wieder in den Kreislauf zurück, dann ist auch hier ein operativer Eingriff notwendig.

Katheterbasierte Behandlung

Der Eingriff kann entweder konventionell chirurgisch oder minimalinvasiv – ohne Öffnen des Brustkorbs – durch das Setzen eines Clips auf die beiden Segel der Mitralklappe erfolgen. Im neuen Hybrid-Operationssaal des Allgemeinen Krankenhauses in Wien ist man auf dem neuesten Stand der Technik und kann die funktionelle Herzklappen-Insuffizienz katheterbasiert behandeln.

Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht. Arfsten, G./Bartko, P./Goliasch, G./Heitzinger, N./ Hengstenberg, C./Hülsmann, M./Pavo, N./Strunk, G./Toma, A. (2019): A Unifying Concept for the Quantitative Assessment of Q1 Secondary Mitral Regurgitation.

 

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