© Hermann Traub, Pixabay

Über Jahrzehnte hinweg haben Menschen Flüsse als Wasserstraßen genutzt und sie dafür verändert, begradigt, eingezwängt. Gleichzeitig wurde immer mehr Land bebaut und versiegelt, sodass Regenwasser nicht mehr vor Ort versickern kann. Es läuft schnell ab und landet in den Flüssen – die Hochwasser- und Überflutungsgefahr steigt. So hat sich letzte Woche im Westen Deutschlands eine Hochwasserkatastrophe ereignet. Mehr als 150 Tote sind zu beklagen und viele Menschen werden noch vermisst. 

„Der erste Reflex ist dann oft: Wir erhöhen den Deich“, sagt Prof. Dr. Christian Albert, Inhaber des Lehrstuhls für Umweltanalyse und -planung in metropolitanen Räumen an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe Planning Metropolitan Landscapes (PLACES) und, gemeinsam mit Dr. Barbara Schröter vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung ZALF, Leiter der Forschungsgruppe PlanSmart.

Solche technischen Maßnahmen zum Hochwasserschutz sind lange erprobt und bewährt. Sie führen das viele Wasser schnell ab, verlagern das Problem aber nur flussabwärts. Angesichts der zunehmenden Zahl von Starkregenereignissen reichen sie künftig nicht mehr aus. „Es ist ein Arbeiten gegen die Natur“, bringt Albert es auf den Punkt und fordert ein Umdenken: „Wir müssen zum beidseitigen Vorteil mit der Natur arbeiten. Nur dann funktionieren Lösungen auch langfristig.“

Grüne Infrastruktur

Sein Spezialgebiet sind sogenannte naturbasierte Lösungen für den Hochwasserschutz. Dazu genügt es nicht, den Fluss und seine unmittelbare Umgebung in die Planung einzubeziehen. Der Fokus weitet sich auf Städte und Regionen aus. Mögliche Maßnahmen gibt es viele: Man kann Altarme durch eine Absenkung von Flussufern wieder anbinden und so wieder Flussauen schaffen, die bei Hochwasser überflutet werden dürfen. Man kann dafür sorgen, dass an den Seiten landwirtschaftlich genutzter Flächen breitere Randstreifen angelegt werden, die durch mehr Rauigkeit die Bodenerosion verringern und es einfacher machen, dass Wasser versickert. Überhaupt geht es darum, dem Niederschlag zu ermöglichen, dort zu versickern, wo er am Boden auftrifft.

Grüne Infrastruktur heißt das Konzept, das sich aus zahlreichen Einzelmaßnahmen zusammensetzen kann. „Das fängt schon beim begrünten Garagendach an“, so Christian Albert. Auch Gärten, Kleingartenanlagen, Äcker und Parks spielen eine Rolle. „In Kopenhagen hat man zum Beispiel den Lindevang-Park so gestaltet, dass er bei Starkregenereignissen überschüssiges Regenwasser aufnehmen kann. Der Park ist somit nicht nur eine hochattraktive Spiel- und Liegewiese – er dient zudem als Regenauffangbecken.“ Ein anderes Beispiel ist der Phönixsee in Dortmund. Sollte es einmal sehr starkes Hochwasser der Emscher geben, kann der See es vorübergehend aufnehmen.

Artenvielfalt

Nebenbei haben die so entstehenden Landschaften viele positive Effekte: Sie fördern die Artenvielfalt, indem sie Lebensräume bieten. Sie mildern Hitzewellen im Sommer. Sie bringen der Stadtbevölkerung Grünflächen, die für Freizeitaktivitäten und Erholung genutzt werden können.

Christian Albert macht sich für naturbasierte Lösungen für den Hochwasserschutz stark. © RUB, Marquard

Und trotzdem haben sie es nicht leicht, sich durchzusetzen. Eine Analyse der Hochwasserrisikomanagementpläne 2012 bis 2015 der Bundesländer Hessen, Niedersachsen und Sachsen, die Alberts Team durchgeführt hat, hat gezeigt, dass naturbasierte Lösungen nur neun Prozent der darin vorgeschlagenen Maßnahmen ausmachen. (Siehe auch Hochwasserrisikomanagementpläne NordRhein-Westfalen und Baden-Württemberg). „Darüber hinaus haben wir untersucht, welche Kriterien es begünstigen, dass naturbasierte Lösungen vorgeschlagen werden“, erklärt Christian Albert. In den analysierten Plänen wurden solche Maßnahmen dann stärker berücksichtigt, wenn es sich um kleinere Nebenflüsse und Situationen mit geringer Hochwassergefahr handelte. Auch hing die Berücksichtigung davon ab, wie die Verantwortlichen ihre Wirksamkeit und die zu erwartenden Kosten und Nutzen einschätzten. „Sie gingen häufiger davon aus, dass naturbasierte Lösungen mehr Planungs- und Verwaltungskosten verursachen und weniger wirksam sind als andere Schutzmaßnahmen.“

Tatsächlich gibt es Hürden, weiß Christian Albert. Naturbasierte Lösungen brauchen mehr Platz als technische. Sie brauchen auch mehr Zeit für die Umsetzung. Sie entsprechen nicht den Gewohnheiten derer, die mit Hochwasserschutz zu tun haben und für die bisher die Schiffbarkeit von Flüssen entsprechend der gesetzlichen Vorgaben oberste Priorität hatte. Sie zwingen mitunter Einzelne, ihre gewohnten Aktivitäten einzuschränken. “Mit all diesen Leuten muss man reden und gemeinsam Lösungen finden”, so Albert, “und das ist aufwändig.”

Dem Gewässer mehr Raum zu geben ist eine der wichtigsten Maßnahmen. © Michael Gaida, Pixabay

Aber es lohnt sich, davon ist der Forscher überzeugt. “Wenn eine solche Maßnahme einmal umgesetzt ist, sind die Leute oft überrascht, wie schön es plötzlich ist”, berichtet er. Mit seinem Team bietet der Umweltplaner im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit auch Beratung für die Praxis an.

Handbuch

Mit seinem Team bietet der Umweltplaner im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit auch Beratung für die Praxis an. Mit Computerunterstützung kann das Team zum Beispiel Flächen identifizieren, die sich für den naturbasierten Hochwasserschutz anbieten. „Wir wollen verstehen, wie urbane Ökosysteme funktionieren. So können wir Defizite aufzeigen, Herausforderungen finden, die sich angesichts des Klimawandels ergeben werden, und Strategien für lebenswerte Städte für Mensch und Natur entwickeln“, so Albert.

Das Forschungsteam hat auf Basis seiner Erfahrungen ein Handbuch und ein Policy Brief für die Praxis herausgegeben: Planung naturbasierter Lösungen in Flusslandschaften. Ein Handbuch für die Praxis, Oekom-Verlag, München, 2021, 120 Seiten, ISBN 9783962383091, online verfügbar.

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Quelle: “Rubin – Ruhr-Universität Bochum” 

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Über den Autor

Author profile picture Arnoud Cornelissen schreibt schon seit Jahren u.a. in verschiedenen niederländischen Zeitungen über Wissenschaft und Technologie.