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Die Globalisierung hat die Produktion vieler Güter, die wir täglich konsumieren, weit aus unserem Blickfeld gerückt. Das Bewusstsein für die Verantwortung, die Konsumenten und Unternehmen für die gesamte Produktions- und Lieferkette dieser Produkte haben, ist in den letzten Jahren merklich gewachsen. Doch wie können menschenrechtliche Standards und Nachhaltigkeit in den weitverzweigten Lieferketten sichtbar gemacht und verbessert werden? Sustainabill hat eine Plattform entwickelt, die es Unternehmen und Subunternehmen ermöglicht, Probleme aufzudecken und gemeinsam an selbstgesteckten Zielen in puncto Menschenrechte und Umweltschutz zu arbeiten. IO sprach mit Klaus Wiesen, einem der Gründer und CEO des Start-ups.

„Wir haben eine Cloudplattform entwickelt, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Lieferkette aufzudecken. Es geht darum, Sichtbarkeit in die tiefere Lieferkette hinein herzustellen. Das Unternehmen, also unser Kunde, lädt seinen Zulieferer dazu ein, ein Profil auf unserer Plattform anzulegen. Er bittet ihn offenzulegen, an welchen Standorten er für ihn produziert und wie Produkte, Rohstoffe, Materialien verarbeitet werden. Die Direktlieferanten werden dazu angehalten, dass gleiche bei den Vorlieferanten zu tun. So dass sich diese Anfragen Schritt für Schritt die Lieferkette hinunter hangeln, bis zur Quelle der Rohstoffe.“ So beschreibt Wiesen sein Unternehmen.

Nachhaltigkeit in der Lieferkette – es geht nur gemeinsam

Der gemeinsame Weg von Sustainabill und seinen Kunden beginnt mit einem Kick-off in Form eines Webinars. Die Unternehmen zahlen eine Lizenzgebühr und lernen mit der Plattform zu arbeiten. Zu Beginn werden sie von Sustainabill beim Datenimport und dem Aufdecken ihrer Lieferkette unterstützt und begleitet. Im späteren Verlauf werden die Unternehmen weiter beraten, managen ihr Projekt auf der Plattform aber selbständig. 

Es geht darum zu klären, ob die Vorlieferanten gesetzte Standards im Umwelt- und Arbeitsschutz erfüllen. Ist das nicht der Fall, können die Unternehmen zusammen mit den Subunternehmen daran arbeiten, diese Missstände zu beheben. Mit Hilfe der Plattform kann überprüft werden, ob die Verbesserungen auch umgesetzt wurden.

Natürlich stellt sich die Frage, wie Daten auf einer Plattform die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort sichtbar machen können. Wie wird die Richtigkeit der Angaben überprüft? Zu garantieren, dass die einzelnen Daten an jeder Stelle korrekt sind, ist nicht Aufgabe des Unternehmens. Aber allein durch die Zusammenführung einer Vielzahl an Informationen, können Schwachpunkte sichtbar gemacht und Hinweise gegeben werden, ob die Angaben stimmig sind. Dazu werden Datenbanken im Hintergrund genutzt. Erst einmal wird überprüft, ob der Unternehmensstandort überhaupt existiert. Dann werden Plausibilitäts-Checks durchgeführt. So wird zum Beispiel gefragt, ob die Angaben zur Produktionsmenge und zum Energieverbrauch eines Unternehmens realistisch sind. Ist alles plausibel? Welchen Energieverbrauch haben andere Unternehmen dieser Kategorie in dieser Region? Wie sah der Verbrauch in den Vorjahren aus? Es werden Nachweisdokumente angefragt, die die Angaben belegen. Werden Ungereimtheiten sichtbar, beginnt eine Überprüfung. Sustainabill arbeitet mit Prüfdienstleistern zusammen, die im Zweifelsfall auf Wunsch des Kunden vor Ort geschickt werden. Auf diese Weise kann der Prüfdienst, der sehr kostspielig ist, gezielt eingesetzt werden. 

„Wir prüfen nicht selber, sondern machen Risiken aus und weisen darauf hin. Die Risiken werden über die Plattform automatisch sichtbar gemacht. Und wir leisten Unterstützung, um das genauer zu beleuchten“, so Wiesen. „Aber da endet die Reise noch lange nicht. Denn im zweiten Schritt geht es darum, Dinge messbar zu machen. Hier ist das Oberthema Treibhausgasemission. Dazu werden konkrete Daten abgefragt nach Energieverbrauch oder Einsatz von Düngemitteln, zum Beispiel. So komme ich zu genauen Werten der CO2-Emission. Gemeinsam mit dem Lieferanten kann der Kunde daran arbeiten, die Treibhausgasemissionen zu verringern.”

Menschenrechte und Umweltschutz im Blick

Im Zusammenhang mit der Treibhausgasemission ist Entwaldung ist ein wichtiges Thema. Hier unterstützt Sustainabill seine Kunden durch die Nutzung von Geoanalysen, die belegen, ob in einem bestimmten Gebiet Rodungen stattgefunden haben. Die Menschenrechte sind neben dem Umweltschutz das zweite Oberthema. Hier geht es vor allem um Arbeitsschutz und Kinderarbeit. Es werden Selbstauskünfte eingeholt und auch hier werden wieder Daten von externen Partner genutzt, die z.B. darauf hinweisen könnten, ob der Name dieses Unternehmens im Zusammenhang mit Kinderarbeit genannt wurde. Das dritte große Thema ist Circular Economy und strategische, kritische Rohstoffe. 

Die Unternehmen können erfragen, welche Primärmaterialien in ihrem Produkt stecken. Unter welchen Arbeitsbedingungen werden sie gewonnen? Was kann durch recycelte Materialien ersetzt werden? Auch hier können die Unternehmen gemeinsam mit ihren Lieferanten daran arbeiten, mehr und mehr Sekundärmaterialien zu nutzen. Es geht also immer darum, Probleme offenzulegen und in kontinuierlicher Zusammenarbeit Verbesserungen auf den Weg zu bringen.

Letztendlich ist das trotz allem noch ein Nischenthema. Aber es wird größer und das ist gut.

Was sind die Motive der Unternehmen, diesen Aufwand zu betreiben? „Aus unserer Sicht kann man ethische und monetäre Motive der Unternehmen hier nicht klar auseinanderhalten. Aber wir sehen tatsächlich die kuriose Situation, dass der Druck der Gesellschaft, der Konsumenten aber auch der Investoren, viel höher ist, als der Druck, den gesetzliche Bestimmungen erzeugen. Dass heißt, die Politik läuft den Forderungen von Konsumenten und Investoren ganz klar hinterher. Die Unternehmen, mit denen wir arbeiten, die haben wirklich den Ansatz: sie wollen nachhaltiger werden. Bei der Treibhausgasemission ist das besonders prominent, dass sich die Unternehmen Ziele setzen und zwar auch vermehrt für ihre Lieferkette. Sie wollen dabei im Einklang mit den Zielen der Pariser Klimakonferenz sein und das zusammen mit uns angehen.“ 

Der Umschwung kam mit Fridays for Future

Klaus Wiesen

Die größte Herausforderung für das Unternehmen bestand darin, dass sie bei ihrer Gründung im Jahr 2017 dem Markt noch voraus waren. Es gab noch keinen Bedarf an ihrem Produkt. Geändert hat sich das mit Greta Thunberg und Fridays for Future. Dieser Umschwung war eindeutig wahrnehmbar, sagt Wiesen. Inzwischen haben die großen Unternehmen die Themen Nachhaltigkeit und Menschenrechte als essenziell erkannt haben, um weiter bestehen zu können. Neben den Unternehmen selbst haben auch Investoren den Wert der positiven gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Aktivitäten erkannt. So zum Beispiel die Investoren von Sustainabill, die GLS Bank und BrainWeb Investment. 

„Aber letztendlich ist das trotz allem noch ein Nischenthema. Es wird größer und das ist gut“ sagt Wiesen. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Unternehmen die Relevanz ihrer Lieferkette erkennen. Und zwar nicht nur die großen Unternehmen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, sondern auch der Mittelstand. Und wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen. Dafür war das Lieferkettengesetz ein guter Ansatz. Das wurde aber im Rahmen der Corona-Krise abgesagt. Ich habe die Hoffnung, dass die Corona-Krise jetzt als Chance erkannt wird, die Investitionen so zu steuern, dass die Wirtschaftsförderung auch gleichzeitig Nachhaltigkeit fördert. Das ist ganz wichtig, dass das jetzt Hand in Hand geht. Dass die Wirtschaft gestärkt, gerettet wird – aber auch mit dem Fokus auf den Green Deal der EU und das Thema Nachhaltigkeit.“

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