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In zehn Jahren muss ein Fünftel der Haushalte in den Niederlanden die Energieversorgung gasfrei regeln. Dieser Kabinettsbeschluss war die Folge des starken Erdbebens in der Provinz Groningen im Jahr 2018 – und der Schäden, die dadurch an den Gebäuden entstanden waren. In Groningen wird seit 1963 Erdgas gefördert. Bis 2030 soll die Förderung eingestellt werden.

Das Erdgas soll vorläufig durch strombetriebene Wärmepumpen ersetzt werden. Da es in den Niederlanden einen völligen Mangel an Sonnen- und Windenergie gibt, wird dieser Strom in den kommenden Jahren hauptsächlich aus Kraftwerken kommen. Diese werden mit Kohle, Gas oder Biomasse betrieben, von denen einige nicht nachhaltig sind, erklärt David Smeulders, Professor für Energiesysteme an der Technischen Universität Eindhoven in der niederländischen Tageszeitung Algemeen Dagblad. Seine Berechnungen zeigen, dass die CO2-Emissionen durch diese Maßnahmen bis 2030 steigen werden.

„Die Entscheidung, alle Häuser vom Gas zu nehmen, ist ein großer Fehler des Kabinetts. Erdgas ist Teil der Klimalösung,“  sagt Smeulders, der darin Ideologie ortet.

Ausbau von Erdgas in Deutschland und Belgien

Auch in den Nachbarländern stoße der niederländische Kabinettsbeschluss auf Unverständnis. Deutschland und Belgien, wo viele Häuser mit Öl oder Holz beheizt werden, seien gerade dabei, die Leitungen für Erdgas weiter auszubauen und noch mehr Häuser anzuschließen.

In Wärmeisolierung und Wärmepumpen investieren

Smeulders hat schon an Verhandlungen über das Klimaabkommen teilgenommen und weiß, dass das Thema dort nicht mehr diskutiert wird. Gas ist in der niederländischen Regierung keine Option mehr. Stattdessen werde unter anderem auf Biomasse aus fossilen Brennstoffen gesetzt. Für den Forscher keine Alternative. Er plädiert dafür, die Hälfte der Subventionen von elf Milliarden, die für Biomasse verwendet werden, umzuwidmen und für die Isolierung der Häuser in den Niederlanden zu verwenden. Das sei eine nachweislich nachhaltige Lösung und helfe zudem Gas zu sparen.

Eine weitere Maßnahme sieht er in Wärmepumpen, die Oberflächenwasser, wie zum Beispiel jenem in Kanälen, Wärme entziehen. Deren Betrieb sei geräuschlos und effizienter als jener von Pumpen, die der Außenluft Wärme entziehen.

Gasleitungen für grünen Wasserstoff nutzen

Last but not least will er „den Gashahn im Zählerschrank“ lassen. „Dann können wir ihn in Zukunft laufen lassen, wenn wir genug grünen Wasserstoff haben.”

Wasserstoff kann aus Sonnen- und Windenergie hergestellt werden. Bei der Verbrennung wird kein CO2 freigesetzt, sondern reines Wasser. Wasserstoff kann gespeichert werden und dann eingesetzt werden, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst. Weshalb er als das fehlende Glied beim Übergang zu nachhaltiger Energie angesehen wird.

Grünes Erdgas

Die eigentliche Lösung für die niederländische Stromversorgung sieht er allerdings in einem Forschungsprojekt, das er gerade an der Technischen Universität Eindhoven leitet. In dem Projekt soll grüner Strom in grünes Erdgas umgewandelt werden. Wasserstoff ist in dem Prozess nur ein Zwischenprodukt. Den Vorteil erklärt der Forscher folgend: „Das synthetische Gas hat die gleiche Zusammensetzung wie Erdgas und es kann im bestehenden Gasnetz gespeichert und transportiert werden. Bei Wasserstoff ist das schwieriger: Es ist ein winziges Molekül, das zudem flüchtig ist”.

Das System ermöglicht die Schaffung einer Erdgasbatterie, eines Energiepuffers. Bei einem Überschuss an Sonnen- oder Windenergie wird diese in Gas umgewandelt, gespeichert und in windstillen Zeiten wieder in Strom umgewandelt. „Als Gasnation brauchen wir dafür kaum Investitionen tätigen, alle unsere Kraftwerke sind bereits an das Strom- und Gasnetz angeschlossen. Alles, was wir neben den Kraftwerken tun müssen, ist, einen Pool von Brennstoffzellen und ein Fass CO2 zu bauen, das mitatmet.“

Das Projekt wird vom staatlichen Energieunternehmen Gasunie, gesponsert. Ein erster Testaufbau soll Ende 2020 in Betrieb gehen.

Wärmebatterien für Haushalte

In einem seiner weiteren Forschungsprojekte geht es um die Entwicklung von Wärmebatterien für Haushalte. In Kooperation mit der Niederländischen Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung TNO soll ein Stoff – wie etwa ein einfaches Salz – gefunden werden, in dem Wärme sehr effizient gespeichert werden kann. In der Wärmebatterie werden Haushalte beispielsweise überschüssige Wärme aus ihren Sonnenkollektoren speichern können. In einer waschmaschinengroßen Wärmebatterie kann eine Familie genug Wärme speichern, um einen Monat lang zu duschen und zu heizen, erklärt Smeulders.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger ist Schriftstellerin. Sie lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie interessiert sich für neue Trends in Design, Technologie und Wirtschaft. Sie ist besonders gespannt auf interdisziplinäre Tendenzen zu entdecken und Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen zu verwischen. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.