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Der Mensch des 21. Jahrhunderts lebt in einer beispiellosen Zeit sich beschleunigender Entwicklungen in Bezug auf Wissen, Leistungsfähigkeit und soziale Umwälzungen. Aber man sollte sich nicht darüber täuschen lassen, wie alt diese Entwicklungen sind. Das zeigte sich gleich zu Beginn dieses Jahrhunderts, am 11. September 2001. Die von al-Qaida eingesetzten Mittel waren durchaus zeitgemäß. Globale Netzwerke wurden extrem flexibel und schwer fassbar.

Die zentrale Idee eines kollektiven Selbstmordes für ewige Ehre im Paradies – eines religiösen Ideals aus dem 7. Jahrhundert – fiel besonders aufgrund ihrer tiefen Verwurzelung in Kultur, Geschichte und ideologisch verzerrter Spiritualität auf. Die heutigen Wahnvorstellungen voller QAnon-Verschwörungsängste erinnern an mittelalterliche Visionen von rituellem Kindermord und an den Sozialdarwinismus, Rassenwahn und Judenhass des 19. Jahrhunderts. Und geopolitisch scheint jenes Jahrhundert ohnehin „hip und angesagt“ zu sein.

Dies gilt nicht minder für die Innovationen und technologischen Revolutionen unserer Zeit. Schließlich war der massive Ausbau des Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes in China der Traum des alten Deng Xiao Ping, um sein Land so modern zu gestalten wie das Europa und Amerika seiner Jugend um 1910. Jetzt, im Jahr 2022, feiern wir „200 Jahre Computer“. Ich weiß nicht, ob Ihnen aufgefallen ist, dass Hightech-Unternehmen wie ASML, Microsoft, Apple und Huawei sich auf ein großes Jubiläum vorbereiten? Mir fiel eher die Stille auf.

Die Differenzmaschine

Aber es ist wahr. Im Jahr 1822 stellte der englische Wissenschaftler Charles Babbage seine Idee einer Differenzmaschine vor. Ein Automat, eine Maschine, die mit Hilfe modernster Erkenntnisse der Mechanik und Mathematik als Rechenwerkzeug die Grenzen des Menschen überwinden könnte. Er war überzeugt, wenn man sich so etwas ausdenken konnte, konnte man es auch bauen. Daran wollte Babbage arbeiten. In der europäischen Zivilisation war dies an sich schon eine revolutionäre Idee und Neuerung. Schließlich hatte man sich zuvor vor allem mit erhabener Spekulation, künstlerischer Einbildungskraft und spiritueller Philosophie beschäftigt, bis Leute wie James Watt und Napoleon ein neues Phänomen in den Mittelpunkt rückten: den Macher, den Gestalter, den Modellierer nie dagewesener Kräfte in der konkreten Wirklichkeit.

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Charles Babbage war ein solcher neuer Bonaparte, jemand, der eine kühne Idee notfalls mit brachialer Gewalt durchsetzen würde. Er begann mit dem Bau seiner „Rechenmaschine“, und alle wichtigen Prinzipien des Computers späterer Jahrhunderte kamen ins Spiel. Das, was zunächst als Idee existierte, wurde Wirklichkeit. Die Differenzmaschine Nr. 2 wurde zwischen 1847 und 1849 entworfen, diese Idee konnte aber nicht realisiert werden. Man musste warten, bis die Zeit reif war, um sie zu verwirklichen. Bis der industrielle Fortschritt so ausgereift und miniaturisiert war, dass ein solches Gerät alles schneller, öfter und fehlerfreier erledigen konnte als jeder menschliche Genius.

Als dieser Moment gekommen war, machte ein anderer Engländer den nächsten Sprung: Alan Turing. In der Mitte des letzten Jahrhunderts wagte er es, Babbages Gedanken auf die elektronische Ebene zu übertragen, in der Raum und Zeit nahezu uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Er hatte sogar das bittere Glück, dass er versuchen durfte, die Kodizes des Tyrannen des Sozialdarwinismus jenes früheren Jahrhunderts zu brechen. Das machte den jungen Langstreckenläufer und Nerd in unsere Jahrhundert sogar zu einem Filmhelden in „The Imitation Game“. Und nun darf er auch auf der 50-Pfund-Note abgebildet werden.

Hoffnung

Was Babbage 1822 getan hat, kann uns heute demütig stimmen und uns gleichzeitig Hoffnung geben. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass ein Turing mit seinen früheren Experimenten einmal neue Welten schaffen würde. So wie wir es in unserer Zeit tun. Wir haben uns vorgestellt, dass man sich im Universum sehr schnell bewegen kann und wie man dank Turing sehr kleine Objekte kontrolliert. So ist es uns gelungen, einen modernen Babbage-Automaten auf einem Kometen und einem Saturnmond zu navigieren und die Unendlichkeit weit jenseits des Pluto und unseres Sonnensystems zu erforschen.

Babbage 200 Jahre später zu feiern, bedeutet daher auch, all die Unbekannten zu feiern, von denen wir heute noch nicht wissen können, dass sie eines Tages unbekannt sein werden. Die „unbekannten Unbekannten“. Da muss man mir als Historiker, als Forscher nichts erzählen. Das ist es, was jeden Künstler und jeden Historiker zutiefst beschäftigt. Man weiß eben nicht, was man nicht wissen kann und versucht doch, zumindest eine Vorstellung zu entwickeln. „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“, schrieb einmal ein britischer Schriftsteller. Und sie ist noch lange nicht vorbei. Das hat man nicht nur an jenem 11. September und all dem, was wir darüber nicht verstanden haben, gesehen. Die Vergangenheit ist nie vorbei. Babbage ist unter uns, Alan Turing startet gleich um die Ecke zu seinem nächsten Marathonlauf.

Über diese Kolumne

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Eveline van Zeeland, Eugène Franken, Katleen Gabriels, Carina Weijma, Bernd Maier-Leppla, Willemijn Brouwer, PG Kroeger und Colinda de Beer geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, die manchmal durch Gastblogger ergänzt werden, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit.

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