Bioabbaubares Plastik gibt es schon lange, taugt aber bislang nur bedingt für Lebensmittel. Mit einer neuen Materialklasse wollen Forscher vom Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg das ändern. Vier Fragen dazu an Sabine Amberg-Schwab, promovierte Chemikerin und Leiterin der Abteilung Barriere- und Multifunktionsschichten.

Was fehlt den bioabbaubaren Kunststoffen bislang, um auch für Lebensmittelverpackungen eingesetzt werden zu können?

Amberg-Schwab: Biopolymere gewähren den verpackten Lebensmitteln keinen ausreichenden Schutz gegenüber Wasserdampf und Sauerstoff, Kohlendioxid und Aromastoffe. Daher kann die erforderliche Mindesthaltbarkeit damit nicht garantiert werden. Wir haben deshalb diese Biokunststoffe mit speziellen biobasierten und bioabbaubaren Lacken aufgerüstet und in ihren Eigenschaften verbessert. So kann nun ausreichender Schutz gegenüber Wasserdampf, Gaszutritt und unerwünschtem Übergang von Fremdstoffen auf den Verpackungsinhalt e rreicht werden. Nach ihrem Einsatz zersetzt sich die beschichtete Folie vollständig unter den Bedingungen eines Komposts.

Wie kamen Sie auf die biologische Beschichtung?

Amberg-Schwab: Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg entwickelt seit Langem Barriere-Beschichtungen auf Basis von anorganisch-organischen Hybridpolymeren (ORMOCER). Diese Werkstoffklasse bietet gute Barriereeigenschaften gegenüber Gasen, Feuchte und Aromen. Die Weiterentwicklung zu den bioORMOCERen erfolgt durch den Austausch nicht biologisch abbaubarer organischer Komponenten fossilen Ursprungs mit biologisch degradierbaren Anteilen biologischen Ursprungs.

Wie lange wird es dauern, bis Käse oder Chips in kompostierbaren Verpackungen verkauft werden, die mit den von Ihnen entwickelten Beschichtungen versehen sind?

Amberg-Schwab: Konventionelle Kunststoffverpackungen auf fossiler Ausgangsbasis sind extrem günstig und für die jeweiligen Anwendungsfälle optimiert. Unsere neuen Materialien können preislich noch nicht mithalten. Trotzdem bin ich optimistisch: Wir haben das Grundmaterialsystem entwickelt, jetzt suchen wir Firmen, die die Idee mit uns weitertreiben.

Im Rahmen der »Circular Materials Challenge«, bei der wir den »New Plastic Innovation Prize« gewonnen haben, nehmen wir an einem zwölfmonatigen »Accelerator-Programm« teil. Das bringt uns in Kontakt mit Firmen, die ebenfalls an der Entwicklung nachhaltiger Verpackungsmaterialien interessiert sind. Unsere ersten neuen kompostierbaren Beschichtungsmaterialien stehen für Versuche und weitere Optimierungen zur Verfügung.

Hand aufs Herz, wäre es nicht am sinnvollsten, gar keine Verpackungsmaterialien mehr zu verwenden?

Amberg-Schwab:  Richtig, wir sollten an möglichst vielen Stellen versuchen, Verpackung zu vermeiden. Aber das wird flächendeckend nicht funktionieren. Für eine echte Verpackungsrevolution brauchen wir deshalb verschiedene Säulen. Dazu gehören kompostierbare Verpackungen genauso wie das Recyceln.