„Apple hört durch Siri beim Sex mit“ hat in der letzten Woche Schlagzeilen in den Medien gemacht. Und so reiht sich Apple nach Google und Amazon in die illustre Liste der Unternehmen ein, die unser Leben beobachten und von uns lernen. Genau wie ein Undercover-Agent Informationen an seinen Klienten weitergibt, dringt der Undercover-Assistent in unser Leben ein.

Seit Jahren liefern sich die großen Technologieriesen einen heftigen Kampf um einen digitalen Assistenten. Ziel ist es, einen persönlichen Assistenten zu entwickeln, der dem Benutzer das Leben durch die Erfüllung bestimmter Aufgaben erleichtert. Aber es ist wohl kein Geheimnis, dass das eigentliche Ziel dieser Unternehmen darin besteht, ihre Nutzer besser zu verstehen, um einen wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen.

Verstoß gegen die Regeln

Das Problem, das letzte Woche ans Licht kam, betrifft die Sprachaktivierung oder die Sprachsteuerung. Um eine Aufgabe ausführen zu können, hört der sprachgesteuerte Assistent dem Benutzer zu (schließlich weiß Apple, dass du „Hey Siri“ gesagt hast, wenn er nicht zuhört?). Sobald der Assistent die Stichworte erkennt, wird das System aktiviert. Das kann zu einer Situation führen, in der das System das Stichwort „denkt“, obwohl es nicht ausgesprochen wurde. Das System startet dann die Aufzeichnung, obwohl es keine keine Frage oder Aufgabe erkennt. Nun, um die Spracherkennung zu verbessern, werden einige dieser Soundbites vom Menschen analysiert. Datenschutzorganisationen prüfen derzeit die Frage, ob dabei Regeln bei der Verwendung personenbezogener Daten verletzt wurden.

Aber die eigentliche Frage ist viel wichtiger. Sind wir uns ausreichend bewusst, worauf wir dem Digital Assistant Zugang gewähren? Dem Telefonhersteller stehen unsere biometrischen Daten zur Verfügung, um unser Gerät zu entsperren. Der Messaging-Service verfügt über ein sehr genaues und aktuelles Bild unserer Kontakte. Die Navigations-App weiß, wer wo wohnt und wer eine Beziehung zu wem hat. Das Social Media Unternehmen kann unser Verhalten besser vorhersagen als unsere Partner, und das Smart Wearable sammelt Gesundheitsdaten und Sportleistungen auf einem Server. Schließlich kennt unsere Suchmaschine unsere tiefsten Ängste und Wünsche.

Als Gegenleistung für ein wenig Komfort geben wir massenhaft sensible oder sehr spezifische (persönliche) Daten an kommerzielle Unternehmen weiter. Wir tun das mehr oder weniger bewusst, und durch die Annahme der Allgemeinen Geschäftsbedingungen nehmen wir die Risiken beim Datenschutz als selbstverständlich hin. Der Digital Assistant ist jedoch so konzipiert, dass er Daten aus verschiedenen Anwendungen miteinander verbindet. Dadurch entsteht ein Risiko, das nicht nur größer ist als die Summe seiner Teile, sondern über den einzelnen Nutzer hinausgeht und weitreichende Folgen für (die Privatsphäre) andere hat.

Zugang zum Kalender

Nehmen folgendes, fiktives Beispiel: Wenn ich den Digital Assistant „Was ist mein nächster Termin“ frage, kann diese Frage nur beantwortet werden, wenn der Assistent Zugriff auf meinen Kalender hat. Dazu gehören auch Termine mit Nicht-Nutzern, z.B. Sanne’s Geburtstagsparty. An sich sind das keine sensiblen Informationen. Aber wenn ich dann den Befehl „Navigieren zu Sanne de Vries“ gebe, bekommt der Assistent ihre Adresse und verlinkt sie mit der Navigations-App. Wenn ich den Assistenten anweise, „50 Euro an Sanne für die Reise in den Sudan zahlen“, werden die Zahlungsdaten verknüpft. Und wenn ich den Assistenten später am Abend bitte, Sanne den Text zu schicken „ich kann immer noch nicht glauben, dass du Mutter wirst“, wird ihre Handynummer aus meiner Kontaktliste abgerufen.

Die Interaktion mit der digitalen Assistentin erstellt ein Bild von Sanne, bei dem ihr Name, ihr Geburtsdatum, ihre Adresse, ihre Handynummer, ihre Finanzdaten, ihre Reisepläne und sogar Informationen über ihren Gesundheitszustand zusammengeführt werden. Und natürlich arbeiten die digitalen Assistenten nicht in „herrlicher Isolation“. Sie bilden ein globales Netzwerk und lernen voneinander. Die Alexa’s, Siri’s, Cortana’s und Google Assistenten liefern ihren echten Vorgesetzten ein immer genaueres Bild vom Leben ihrer Nutzer, aber auch indirekt vom Leben der Menschen, mit denen dieser Nutzer Verbindung haben.

Operation erfolgreich

Die Erstellung und der Betrieb eines Undercover-Agenten ist zeitaufwendig und sehr teuer. Wenn der Wert der Informationen die Kosten übersteigt, ist die Mission erfolgreich. Eine ähnliche Berechnung gilt für den digitalen Assistenten. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Assistenten, die unter dem Deckmantel „kostenlos“ angeboten werden, von kommerziellen Unternehmen geschaffen und betrieben werden. Und diese Unternehmen verdienen viel Geld mit Informationen über dein und mein Leben.