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Letzte Woche wurde die Elektromobilitäts-Blase und deutsche Autoindustrie durch eine Eilmeldung geschockt: Herbert Diess, der „Elon Musk von VW“ wurde vom Aufsichtsrat schließlich doch noch „geschasst“.

Die Häme der Kommentatoren

Die Kommentare zum Ende der Diess-Ära lasen sich kontrovers aber unter dem Strich sehr negativ Diess gegenüber. So kommentierte der Chefredakteur der „Automobilwoche“ unter anderem: „Er ging vielen auf die Nerven mit seiner Hauklotz-Rhetorik und seiner Nähe zum Branchen-Aufwiegler Elon Musk. Er eckt an. Seine Befürworter sehen ihn dagegen als Visionär.

Wobei „Visionär“ in Deutschland eher eine negative Konnotation hat. Wir erinnern uns an das Bonmot des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen

Die deutsche Art und Weise

In Deutschland gibt es ein weltweit einzigartiges Phänomen. Man fällt gerne im Rudel über Persönlichkeiten her, die man für erfolglos hält, bzw. die es wagen den „Mainstream“ aufzubrechen und dabei scheitern. Das passierte auch bei Herbert Diess. 

Diess war und ist kein Diplomat (genauso wie seinerzeit Ferdinand Piëch übrigens). Aber genau das hat ihm letztlich das Genick gebrochen. Seine „ruppige“ Art und Weise und sein Mangel an sozialer Intelligenz war am Ende nicht förderlich für das Verhältnis mit den Familien Pïech, Porsche, den Gewerkschaften und Politikern gewesen.

Vergleich mit Elon Musk?

Der Vergleich mit Elon Musk hinkt auch insofern, als dass der deutsche CEO eben wegen des Aufsichtsrats nicht so agieren kann, wie sein US-Pendant, das sich durch niemanden stoppen lässt. Ein nicht unerheblicher Anteil von VW gehört bekanntlich den Familien Pïech und Porsche. 

Aber auch politische Fallstricke gehören in Deutschland zur täglichen Realität. Man hat es mit Menschen wie dem weitgehend technisch ahnungslosen niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil und Gewerkschaftern zu tun, die gerne am eigenen Ast sägen, nur um Recht zu behalten und „die guten alten Zeiten“ zu bewahren.

Schnelle Transformation scheint in Deutschland aussichtslos

Ob die Transformation zur Elektromobilität tatsächlich „alternativlos“ ist, wird erst die Zukunft weisen, auch wenn alle Zeichen derzeit darauf hindeuten. Diess hat mit seiner Entscheidung alles auf den Stromer zu setzen den zweitgrößten OEM-Tanker der Welt zumindest in die richtige Richtung gebracht.

Die anders ausgerichtete Haltung seines Nachfolgers und Porsche CEOs, Oliver Blume, dürfte allerdings kaum dafür sorgen können, schnell den Anschluss an die digitale Gegenwart zu kriegen. Dazu sind die Defizite im Hause VW zu groß. 

Digitalisierung erweist sich als schwierig

CARIAD, die beschworene Digital-Taskforce, hat sich bislang als zahnloser Tiger erwiesen. Die Umbesetzungen (und Umbenennungen) seit 2019 zeigen vor allem eines: Autohersteller verstehen nicht, wie Software entwickelt wird. Viel hilft da nämlich nicht viel. Und es gibt in der deutschen Automobilbranche viel zu wenige digitale Koryphäen. Und gibt es sie, wandern sie dorthin ab, wo ihre Ideen auf fruchtbareren Boden fallen. Die deutschen „Blechbieger“ haben den inneren Abschied vom Verbrennerdenken ohnehin noch lange nicht vollzogen.

China-Geschäft und Infotainment

Direkt damit verbunden ist das maue China-Geschäft. Die Chinesen sind digital so viel weiter, dass das Infotainment-System der ID-Stromer für sie wie eine Reminiszenz aus der letzten Dekade anmuten muss. Wer die Systeme von NIO, XPENG und BYD kennt, der nimmt nicht gerne einen Rückschritt in Kauf.

Wirds der Porsche CEO richten? Schwer zu sagen. Seine Qualitäten liegen nicht im Digitalen sondern beispielsweise bei den eFuels. Die werden – das liegt schlicht am „Markt“ – in Europa kaum die Nadel bewegen können und an den hiesigen Energiekosten und Energieknappheit scheitern. Und auch in China spielen sie erst mal gar keine Rolle. Das überrascht, zumal Blume 2001 an der renommierten Tongji-Universität in Shanghai promoviert hat.

War Diess’ Abgang also gut oder schlecht? 

Für ihn selbst kaum. Aufstehen, Krönchen richten und mit dem „Goldenen Handschlag“ aka Beratervertrag bis 2025 weitere 30 Mio. Euro verdienen.

VW hat sich mit Diess’ Demission einen Bärendienst erwiesen. In China, Korea und bei Stellantis haben sicher letzte Woche die Sektkorken geknallt, denn die Transformationsprobleme sind gerade für VW größer geworden …

Über diese Kolumne:

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Eveline van Zeeland, Eugene Franken, Katleen Gabriels, PG Kroeger, Carina Weijma, Bernd Maier-Leppla, Willemijn Brouwer und Colinda de Beer geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, die manchmal durch Gastblogger ergänzt werden, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Bitte lesen Sie hier die bisherige Episoden.

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